hmhensel.com

Hans Michael Hensel

Wer war Ernst v. Hesse-Wartegg?

Ernst von Hesse-Wartegg. Abbildung aus dem besprochenem Band.

Ernst von Hesse-Wartegg.

An diesem Buch ist nahezu alles neu, erstaunlich und spannend. Zuerst schon die Tatsache, daß es 99 Jahre dauerte, bis nach dem Tod des zwar weltberühmten, aber auch rätselhaften Reiseschriftstellers und Diplomaten Ernst von Hesse Wartegg (*1851?, † 1918 ) erst jetzt der erste, und gelungene Versuch vorliegt, das Leben dieses bis heute nachgedruckten Autors aus dem Dunkel der Geschichte zu holen.

Was Andreas und Elisabeth Dutz mit ihrem im Wiener Böhlau Verlag erschienen Werk geschaffen haben, ist nichts weniger als eine Pionierarbeit, dessen 260 Seiten wie ein mehrteiliger Krimi daherkommen. Dieser Krimi, dem man möglichst viele Leser wünschen will, wird und muß zu weiteren Forschungen führen, auch wenn ausgerechnet diese durch fast durchgehend fehlende direkte Quellenangaben, erschwert werden. Das ist eindeutig nicht den Autoren, sondern dem Verlag anzulasten, und sehr zu bedauern, denn alle in diesem Buch behandelten Hauptpersonen sind hochinteressant und auf ihre Weise einzigartig, aber ihre Lebensgeschichten waren dennoch bisher fast unbekannt. Mit der einzigen Ausnahme der zu ihrer Zeit noch berühmteren Ehefrau von Hesse-Wartegg, Minnie Hauk, über die man vergleichsweise viel weiß, geben alle von ihnen dem normalen Leser genauso wie dem Forscher heute noch Rätsel auf, ja, sie werden immer noch spannender, je mehr man sich in dieses Buch vergräbt.

Mich fasziniert diese biographische Sammlung schon deshalb, weil ich selbst jahrelang über Hesse-Wartegg und seit dem Jahr 2012 auch über seine Tochter, die Schauspielerin und Schriftstellerin Vera Hartegg (*1902, †1981), geforscht habe. Ich „sammle“ nämlich ausländische Hochstapler in Thailand, die es im Lande der Blender und Gesichtswahrer schon immer auffällig oft zu einem gewissen Ruhm bringen, wenn auch vor allem bei Landsleuten.

Vera Hartegg hat den Namen ihres Vaters in ihrer Autobiographie nicht genannt. In ihrem Familenalbum befinden sich jedoch diese künstlerisch verfremdeten Abbildungen ihres, wie sie schrieb, „Gründerpaares“: links Ella Kobold, in der Mitte der mit phantasievollen Orden angereicherte Vater. Daneben rechts das Originalbild auf dem Umschlag des besprochenen Bandes. (Bild © Zenos Verlag 2017.)

Vera Hartegg hat den Namen ihres Vaters in ihrer Autobiographie nicht genannt. In ihrem Familenalbum befinden sich jedoch diese künstlerisch verfremdeten Abbildungen ihres, wie sie schrieb, „Gründerpaares“: links Ella Kobold, in der Mitte der mit phantasievollen Orden angereicherte Vater. Daneben rechts das Originalbild auf dem Umschlag des besprochenen Bandes. (Bild © Zenos Verlag 2017.)

Diesen „Baron“ von Hesse-Wartegg, dessen 1899 erschienenes, bis heute vielzitiertes Buch über Siam, das Reich des weißen Elefanten in Deutschland zu seinen bekanntesten gehört, hatte ich schon immer im Verdacht, so ein Hochstapler zu sein, seit ich herausfand, daß die Schauspielerin und Schriftstellerin Vera Hartegg nicht nur seine uneheliche Tochter war, sondern daß sie auch verschlüsselt über ihren Vater geschrieben hatte. Das war zu einer Zeit, als sie noch in keinem Online-Lexikon erwähnt wurde und es im gesamten Internet noch kein einziges frei zugängliches Bild von Hesse-Wartegg gab. Die Zwischen-den-Zeilen-Lektüre der in zwei Bänden gedruckten Autobiographie der Tochter, die darin weder ihren Vater, noch ihre Mutter namentlich erwähnte, hatte mich davon überzeugt, daß Hesse Wartegg wohl nicht nur packend und humorvoll schreiben, sondern auch genial schwindeln konnte – und zumindest auch noch ein Urkundenfälscher war.

Vera Hartegg in einer Filmszene von 1936. (Bild © Zenos Verlag, Archiv 2017.)

Vera Hartegg

„Bei den genannten autobiographischen Büchern seiner Tochter handelte es sich um Vera Harteggs weitverbreitete Bestseller 1. Drei Väter und ich armes Kind. Aus dem Leben einer Schauspielerin. (1961) und 2. Vornehmstes Haus am Platze. Lulus Memoiren. (1964); die beide zuerst im Paul List Verlag erschienen waren und als Buchklubausgaben, Nachdrucke und Taschenbücher bis zu Vera Harteggs Tod 1981 immer wieder neu aufgelegt wurden. Diese zuvor wohl unbekannte, jedenfalls bis dahin nirgends publizierte Tatsache und weitere neue Fakten gab ich am 21. September 2012 in Bangkok an Andreas Hartmann unmittelbar vor seinem Vortrag über Hesse-Wartegg an der deutschsprachigen Abteilung der Chulalongkon Universität weiter. Der zuvor schon in Berlin gehaltene Vortrag – vielleicht der erste über Hesse-Warteggs Leben überhaupt –, ist in dem 2014 erschienenen Jubiläumsband Deutschland und Thailand. 150 Jahre Diplomatie und Völkerfreundschaft enthalten. Mein entsprechender Artikel dazu war in der TIP Zeitung für Thailand erschienen, wovon es auch eine gekürzte Online-Fassung vom 9. Juli 2012 gibt. Zusammen mit einer Hochschulschrift von Jacob Matthew Dix (Ernst von Hesse-Wartegg. An investigation of Hesse-Wartegg’s views on religion and ethnicity in America based on his travels there in the late 1870s. Stockholm 2008.) waren dies sämtliche drei zu jenem Zeitpunkt recherchierbaren Versuche in hundert Jahren, sich der Person Hesse-Warteggs zu nähern. Zwei Jahre später kam noch eine Magisterarbeit von Sahra Lobina hinzu (Im Okzident liegt Südamerika im Orient. Die Welt des Ernst von Hesse-Wartegg. Luzern 2014), die sich mit seinem 1915 erschienem Buch Zwischen Anden und Amazonas beschäftigt. Ihre Arbeit enthält eine kurze Lebensbeschreibung nach damaligem Stand. Von besonderem Interesse sind die im Detail aufgelisteten Luzerner Quellen.

Dabei war Ernst von Hesse-Wartegg der deutsche Reiseschriftsteller (ich schreibe bewußt „deutsch“) des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts und neben Mark Twain vielleicht sogar der bedeutendste seiner Zeit. Wobei bewiesen ist, daß sowohl Twain als auch zum Beispiel Karl May ganze Kapitel von ihm abgeschrieben haben. Seine gemäß des Geschmacks des Bildungsbürgertums im Fin de siècle opulent bis sündhaft teuer ausgestatteten Bücher, zum Teil sogar schon mit Farbbildern, werden bis heute aufgelegt und auf jeden Fall immer noch gelesen. Seine „Wunder der Welt“ zum Beispiel – eine Art gedruckte Bestenliste seiner Artikel und Bücher in zwei gewaltigen Bänden –, sind auch heute noch, wenn man schöne Exemplare antiquarisch ergattert, ein wunderbares Geschenk zum Lesen und Staunen.

Minnie Hauk war die erfolgreichste Opernsängerin ihrer Zeit. Ihre mitreißende Interpretation der Carmen zum Beispiel, in der sie als erste Operndiva nicht nur, wie damals üblich, statisch auf der Bühne stand und sang, sondern sich dabei auch lebhaft bewegte und tanzte, war eine Sensation. Bild: Archiv Zenos Verlag.

Minnie Hauk

Dennoch weiß man fast nichts über die Herkunft dieses vielgelesenen Autors, der mit seiner Frau schon lange vor der Erfindung der Düsenflugzeuge eine Art frühes Jet-Set-Leben zwischen der Riviera, Luzern, London, Wien, Paris, Mailand und New York sowie zahlreichen Reisen und Weltreisen führte. Hesse-Wartegg trat ab Ende der 1970er Jahre als Baron auf, wobei es eine mit ihm verwandte adlige Familie „von Hesse“ jedoch nicht gibt, auch der Namenszusatz „-Wartegg“ nicht nachvollziehbar ist, und man das von ihm geführte Wappen in keiner Wappenrolle findet.

Seit 1891 lebte der Bestsellerautor und Diplomat, der immer und überall erster Klasse reiste, mit seiner Frau standesgemäß im heute als Musikschule genutzten „Warteggschlössli“ bei Luzern, wo 1860-72 bereits Richard Wagner in der 500 Meter entfernten Villa Tribschen sein Domizil hatte. Dort trafen sich viele Berühmtheiten der Welt, wenn Hesse-Wartegg nicht gerade auf Einladung in einem Londoner Club oder als gern gesehener Gast in einem der zahlreichen europäischen Adelshäuser residierte, wo er seine Gastgeber mit seinen spannenden Reiseberichten in kleiner oder größerer Runde entzückte, während seine gefeierte Frau, so sie auch dabei war, nicht selten private Gesangseinlagen zum Besten gab.

Ernst von Hesse-Wartegg war das Gegenteil heutiger Agenda- und Staatsfunk-Journalisten; er war ein umfassend gebildeter, scharfsinniger Beobachter, der packend, humorvoll, oft ironisch, lakonisch, trocken, manchmal auch sarkastisch schreibend, selten vor Klartext zurückschreckte. Schon weil es damals so etwas wie unsere sprachverhunzende, ja: Manipulation oft erst ermöglichende, sogenannte politische „Korrektheit“ nicht gab, kann man zum Beispiel gutmenschelnden heutigen Islam-Apologeten gar nicht genug empfehlen, einmal die Schilderungen Hesse-Warteggs über Ägypten, Syrien und vor allem über Tunis zu lesen. Das waren typische mohammedanisch geprägte Regionen des Osmanischen Reichs, in denen – wie in einigen dieser frommen Gegenden heute noch –, der Handel mit minderwertigen, da falschgläubigen, Sex- und Arbeitssklaven blühte, und wo Entführungen von Christen und anderer widerlicher Kuffar zwecks hoher Lösegeldforderungen und ganz allgemein die koran-konforme Piraterie sowie das Raubrittertum gegen alle Ungläubigen auf dem Meere und zu Lande, wie Hesse-Wartegg wahrheitsgemäß schrieb, „einen wesentlichen Beitrag zum Reichtum des Landes“ beitrugen. Die „Barbarenkriege“ waren damals noch als das in Erinnerung, als was und warum sie tatsächlich geführt wurden.

„Tunis. Land und Leute“ gilt als eines der besten Bücher Hesse-Warteggs. Dieses Exemplar befindet sich in meiner Bibliothek. (Bild © Zenos Verlag 2017.)

Eines seiner besten Bücher.

Das genannte Land, das seinen Reichtum zu einem wesentlichen Teil durch Raubrittertum bezog, war die größte Kolonialmacht der Neuzeit, also das aus den Kopfabschneidern und Räuberbanden eines angeblichen „Propheten“ namens Mohammed und seiner Nachfolger hervorgegangene Osmanische Reich, das in den erobertem Gebieten überall sämtliche Andersgläubige bis auf winzige Reste systematisch ausgerottet hat. Heute, als Nachfolgestaat Türkei steht es stets eifrig mit vornedran, wenn es in der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) darum geht, naiven und wissensferneren Nachkommen einstiger westlicher Bildungsbürger in ihren Woelkikuckucksheimen möglichst tief empfundene Schuld aufgrund der kolonialen Vergangenheit der Herrscher und Potentaten über ihre Ur-Ur-Urgroßväter einzureden. Es wäre äußerst interessant zu erfahren, was ein Hesse-Wartegg heute dazu zu sagen hätte.

Aber zurück zur Pionierarbeit des Autorenteams: Wie erwähnt, handelt es sich bei diesem Werk nicht nur um einen Krimi, sondern um mindestens deren viere in einem Buch, wobei jede der Hauptpersonen ein eigenes wert wäre.

Da ist erstens natürlich die Geschichte Hesse-Warteggs und Minnie Hauks, eines einzigartigen und, aus Sicht der Klatschpresse gesehen, ihrer Zeit weit vorauseilenden Glamourpaares. Dann ist da außerdem die Geschichte der jungen Mätresse des Lebemanns, für die eine Welt zusammenbricht, als sie 1901, mit 23 Jahren, ungewollt schwanger wird. Am liebsten würde sie abtreiben, aber schließlich bringt sie das Kind in Straßburg bei zwei Hebammen zur Welt, die von da an jahrelang, mit Hilfe von Hesse-Warteggs regelmäßigen Zahlungen, für die junge Elvira Weiss sorgen werden, wie die spätere Vera Hartegg laut Geburtsurkunde heißt.

Weiss? Einen als Vater in der Geburtsurkunde eingetragenen Alfred Weiss gab es tatsächlich. Nur war er in Wirklichkeit bereits knapp zwei Jahre vor der Geburt „seiner“ Tochter verstorben. Das machte aber nichts, denn Hesse-Wartegg, der zu diesem Zeitpunkt bereits Generalkonsul von Venezuela in der Schweiz war, hatte die Möglichkeit, die für eine offizielle Vaterschaft nötigen Urkunden zu fälschen, was er auch tat. Seiner Tochter, gegenüber der er stets als angeblicher Onkel auftrat, band er später den gewaltigen Bären auf, wonach ihr Vater im Dschungel von einem Jaguar gefressen worden wäre. Nur so konnte er verhindern, daß die zunehmend selbstbewußte und intelligente heranwachsende Tochter an ihrer Absicht festhielt, das Grab ihres Vaters in Venezuela zu suchen.

Das ist die im Text erwähnte Widmung auf dem Titelblatt von Vera Harteggs 1974 gedruckten Gedichtband. Durch die geringe Opazität des Papiers ist außerdem der Text auf dem folgenden Blatt noch schwach zu erkennen: „Für Karl Schmidt-Rottluff. Den Maler und seine Frau.“  (Bild © Zenos Verlag 2017.)

Vera Hartegg: Kleine Formen.

Die uneheliche Tochter ist für mich die wahre Heldin in diesem Buch. Schon als ich 2012 ihre Autobiographie las, fühlte ich mit ihr, etwa an der Stelle, wo sie von ihrem Vater in bester Absicht in ein sündhaft teures Klosterinternat gesteckt wird, von dem ihr später nur die Frömmelei und Bigotterie der Betschwestern als prägende Erinnerung bleibt. Unter anderem drehten die Nonnen nächtliche Kontrollrunden durch die Schlafsäle der jungen Mädchen und bestraften diejenigen, die ihre Hände beim Schlafen nicht stets sichtbar über der Bettdecke hatten. Die Mädchen und jungen Frauen durften in dieser verlogenen und verklemmten Zuchtanstalt ihren eigenen Körper nie sehen, selbst das Waschen durfte vom Hals abwärts nur unter einem eigens dafür angefertigten, vollständig den Körper bedeckenden Umhang erfolgen.

Richtig spannend wird es, als sich Elvira nach einer gescheiterten ersten Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen, als seit den 1920er Jahren erfolgreiche Bühnenschauspielerin Vera Hartegg, später auch als Filmdarstellerin und Romanschriftstellerin mit einer erfrischenden Portion Witz und Lebenskraft und anständig bis ins nationalsozialistische Reich hinein behauptet. Bis 1940 wirkte sie in etwa zwei Dutzend Filmen mit und veröffentlichte drei Romane, die im Schauspielermilieu angesiedelt sind. Der erste („Es ist nicht gelogen. Der Roman einer Schauspielerin“, 1938) ist autobiographisch, der zweite („Warum?“, 1940) ist ein normaler Liebesroman, und der dritte („Oriane“, 1941) entstand laut Widmung als Erzählung für Vera Harteggs Töchter Minnie und Eivy.

Dann wurde es für sie allerdings aufgrund des ihr trotz Einschaltung von drei Anwälten unmöglichen Ariernachweises verdammt eng. Sie mußte sich zeitweise mit Handarbeiten durchschlagen und versetzte den siamesischen Elefantenorden ihres Vaters, den sie geerbt hatte. Dann kam die Gestapo zweimal, als sie jeweils zum Glück nicht in ihrer Pension anzutreffen war. In höchster Not bat sie Ende 1940 den bekannten Gründer des Reichsarbeitsdienstes, Konstantin Hierl, aufgrund einer von ihrer Mutter behaupteten, aber von Hierl nicht bestätigten weitläufigen Verwandtschaft um Hilfe. Hierl, der als einer der – soweit das möglich war – „anständigsten“, jedenfalls am wenigsten „belasteten“ unter allen damaligen deutschen Politikern gelten kann, und zu diesem Zeitpunkt gerade seit einem Jahr verwitwet war, schlug Vera nach einem zunächst eher kühl verlaufenden Treffen kurzerhand vor, ihn zu heiraten („damit ist uns beiden geholfen…“). So geschah es, und Vera war Kraft der Stellung ihres Mannes vor weiteren energischen Vorladungen des Rasseamtes geschützt.

Vera Hartegg hielt in Zuneigung und Dankbarkeit auch nach dem Krieg zu ihrem Mann und ehrte ihn – das steht nicht im Buch – noch 1974, 19 Jahre nach seinem Tod, mit einem Gedicht „Dein letzter Traum“. Das erschien in ihrem mit technischer Hilfe des befreundeten Künstlerehepaars Karl und Emy Schmidt-Rottluff entstandenen Lyrikband „Kleine Formen“. Aus einer handschriftlichen Widmung an einen Verleger in meinem antiquarisch erworbenen Exemplar dieses seltenen Privatdrucks geht hervor, daß von ihr – möglicherweise unter Pseudonym – offenbar schon früher Gedichte gedruckt worden waren. Mit Schmidt-Rottluff und seiner Frau verband sie eine enge Freundschaft. Sie erwarb auch einige Werke des Malers, als seine Bilder eine Zeitlang kaum noch angekauft wurden.

Das Buch aus dem Böhlau Verlag besticht nicht nur durch die umfangreichen Forschungsergebnisse der beiden Autoren, sondern auch durch überaus zahlreiche Abbildungen, denen man allerdings eine bessere phototechnische Bearbeitung und vor allem auch eine bessere Druckqualität auf geeigneterem Papier gönnen würde. Hesse-Wartegg, von dem es erstaunlicherweise nur sehr wenige Bilder gibt, zeigen dabei allerdings nur ganze sieben Abbildungen, wobei er wiederum nur auf fünf auch zu erkennen ist. (Daß unter diesen Umständen ausgerechnet das einzige bekannte, noch dazu gelungene Bild, das ihn auf Seite 97 im Garten des Warteggschlössli neben seiner Frau Minnie Hauk zeigt, gerade mal in besserer Briefmarkengröße, unbearbeitet, düster und kontrastarm abgebildet wird, anstatt in höchstmöglicher Auflösung und Qualität über eine ganze Buchseite, sollte ein ausreichender Kündigungsgrund für jeden Layouter sein.) Daneben machen Exkurse und lehrreiche Abschweifungen, auch wenn man den Textzusammenhang, wie etwa auf Seite 34, nicht immer an gleicher Stelle findet (und in diesem Falle noch nicht einmal direkt vor oder nach dieser Seite), die zahlreichen ebenfalls hochinteressanten Randfiguren dieser Geschichten lebendig. Selbst Churchill und Buffalo Bill Cody kommen vor. Oder der von Vera Hartegg sogenannte „Seehund“ Prof. DDr. Wilhelm Weygandt, der führende deutsche Irrenarzt der 1920er Jahre. An diesen bekanntesten zeitgenössischen Gegner der Thesen von Sigmund Freud verkuppelte Hesse-Wartegg seine Nebenfrau, Veras Mutter, wobei er sie als seine Nichte ausgab. Los wurde er die ihm im wahren Sinne des Wortes teure Geliebte dadurch aber noch lange nicht.

Prachtband des Fin-de-siècle: „Schantung und Deutsch-China.“ von Ernst von Hesse-Wartegg.

Prachtband des Fin-de-siècle.

Hesse-Warteggs Mätresse, die genau wie ihre Tochter den Geburtsnamen Elvira Weiss trug, und sich als Schauspielerin Ella Kobold nannte, traumatisierte ihre Tochter durch lebenslange Abweisung ihrer Zuneigung und ihres Bedürfnisses nach Nähe, brachte es andererseits aber fertig, ein bemerkenswertes Buch über die Diskriminierung unehelicher Kinder in der Gesellschaft zu schreiben (Ella Kobold-Weygandt: Die ihrer Mutter Namen tragen. Hamburg: Christians 1929).

Die hier von Andreas und Elisabeth Dutz vorgelegte Pionierarbeit von einem Buch, ein endlich offengelegter Steinbruch an Informationen über gleich mehrere bemerkenswerte Menschen, enthält unzählige Anregungen zum Weiterforschen. Gerade deshalb allerdings ist mir – ich muß noch einmal darauf kommen – nicht nachvollziehbar, weshalb im gesamten Buch auf Quellenverweise fast vollständig verzichtet wird. Für 260 Seiten gibt es trotz des durchwegs noch nie zuvor gedruckten Inhalts gerade einmal 23 Anmerkungen, davon ganze drei konkrete Hinweise auf gedruckte Quellen. Und selbst diese angesichts des erkennbar großen Forschungsaufwands und hochkomplexer Details vollkommen unbefriedigende Anzahl wurde nicht einmal als Fußnoten auf die jeweiligen Seiten gesetzt, man muß dafür auch noch blättern. Als Verleger, Herausgeber und Gestalter zahlreicher Bücher ahne ich, warum dem so ist, denn in der Praxis gibt es dafür in aller Regel leider nur einen Grund: der Verlag hat sich das Lektorat gespart und läßt selbst dann billigst „nach Manuskript“ drucken, wenn die Vorlage auf einem für gutes Layout eigentlich ungeeigneten Programm daherkam. So aber schafft man sich als Verlag ab, schlecht lektorierte Bücher kann Book-on-demand besser und billiger.

In der Tat deuten auch Flüchtigkeitsfehler, die normalerweise schon ein Korrekturleser mit normaler Allgemeinbildung ganz nebenbei angestrichen hätte, auf fehlendes oder nachlässiges Lektorat. Zum Beispiel steht auf Seite 152, Vera Hartegg habe ab 1915 ein Internat „St. Ursula in Villingen-Schwenningen bei Frankfurt“ besucht, obwohl zu dieser Zeit nur entweder die badische „Große Kreisstadt Villingen im Schwarzwald“ oder die württembergische „Große Kreisstadt Schwenningen am Neckar“ infrage gekommen wären, da beide historischen Verwaltungsstädte bis 1972 völlig eigenständige Zentren für ganz unterschiedliche Regionen waren und obendrein auch noch eine Tagesreise von Frankfurt entfernt liegen. Auch die Grammatik läßt – milde gesagt – stutzen. Etwa wenn fast durchgehend im Buch auf die zum Verständnis mehr als mittelmäßiger deutscher Texte in mehr als mittelmäßigen Verlagen nun einmal höchst nützliche Verwendung des Konjunktivs verzichtet wird. Das wirkt wie durch den Verlag „gewollt“ (ich kann mir nicht vorstellen, daß ein ernstzunehmender Autor so schreibt) und führt zu einem Effekt, der, humorvoll gesehen, allerdings in diesem besonderen Falle wohl sogar im Sinne von Hesse-Wartegg sein dürfte: Auch seine durchsichtigsten Lügengeschichten und zweifelhaftesten Behauptungen kommen so beim Leser im Nominativ oder Akkusativ stets als Tatsachen an. Etwa wenn scheinbar distanzlos verlautbart wird, daß Hesse-Warteggs Mutter „eine Adlige war“, obwohl kein einziger Beweis für die Behauptung des selbsternannten Barons existiert, daß seine Mutter tatsächlich eine Adlige gewesen wäre.

Weiteres Beispiel edler Buchausstattung.

Weiteres Beispiel edler Buchausstattung.

Der Mangel an Fußnoten und Quellenangaben macht dieses ansonsten schlicht phänomenale Buch leider nicht nur für wissenschaftliche Nutzer, sondern auch für jeden ernstzunehmenden Leser doch etwas weniger wertvoll als es sein könnte. So ein Mangel, der eindeutig dem Verlag anzulasten ist, verstimmt jeden Bücherfreund, und das ist sehr schade, denn es ist ja eine höchst beeindruckende Arbeit der Autoren, die hier abgeliefert wurde, oft würde man am liebsten schon während der Lektüre gleich weiterrecherchieren. Wenn etwa auf Seite 140 geschrieben steht, daß Max Beyer (der von Hesse-Wartegg mit 3000 Reichsmark bezahlte Adoptivvater für seine Mätresse), im Jahre 1919 stolz behauptet hätte, daß er seit 30 Jahren Antisemit sei und daß er außerdem „viele hetzerische, antijüdische Flugblätter herausgegeben“ hätte, dann ist so eine immerhin schwerwiegende Behauptung, auch wenn sie ausnahmsweise korrekt im Konjunktiv steht, ohne Quellenangabe in einem Buch dieses Kalibers einfach eine Zumutung. Das ließe kein ordentlicher Lektor durchgehen, gerade weil dieses Werk eine Pionierarbeit ist, also idealerweise (hoffentlich) der Anfang einer ganzen Forschungskette sein wird. Ebenso wären manche Spezialbegriffe allemal – nein: zwingend! – Fußnoten wert gewesen, etwa die in Deutschland nur ausgesprochenen Fachleuten noch geläufige Bezeichnung „Cisleithanien“, die plötzlich auftaucht, ohne erklärt zu werden, obwohl dieses Wort selbst in Österreich erst ab 1867 (also nach dem hinterlistigen und folgenschweren Herausmobben Österreichs aus dem Deutschen Bund durch den Kriegstreiber Bismarck) ein gebräuchlicher Verwaltungsbegriff war, der nach 1918 wieder verschwand.

Lieber Böhlau-Verlag, für die Zukunft bitte hinter die Ohren schreiben: Echte Fußnoten sind weder teuer, noch stören sie; niemals! Sie sind stets eine Bereicherung. Was an Fußnoten überhaupt stören könnte, wäre ihr Fehlen. Und wer den Konjunktiv in anspruchsvollen Büchern von irgendeiner Bedeutung abschaffen will, sollte sich bitte dringend um einen Nachfolger bemühen, der seine eigene Sprache noch beherrscht!

Ansonsten aber (man kritisiert ja nur das, woran einem etwas liegt, um es möglichst auch noch zu verbessern) bitte alle zur Kenntnis nehmen: Das ist ein großartiges Buch! Hesse-Wartegg, und für mich auch ein bißchen seine tapfere Tochter Vera Hartegg, sind die Wiederentdeckungen des Jahres!

*

Andreas Dutz, Elisabeth Dutz: Ernst von Hesse-Wartegg (1851–1918). Reiseschriftsteller, Wissenschaftler, Lebemann. Wien: Böhlau Verlag 2017, 260 Seiten, 75 Abbildungen, 24 x 17 cm, ISBN 978-3-205-20438-1, 30 Euro.

Website der Autoren: http://www.dutz.at/ (hier sollen ggf. weitere Forschungsergebnisse veröffentlicht werden)

Website des Verlags, Direktbestellung möglich: http://www.boehlau-verlag.com/978-3-205-20438-1.html

Inhaltsverzeichnis zum Herunterladen: http://www.boehlau-verlag.com/download/164751/978-3-205-20438-1_Inhalt.pdf

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>