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Hans Michael Hensel

Hafiz Manzooruddin Ahmad

Hafiz Manzooruddin Ahmad war der unangefochtene Indienerklärer und einer der wichtigsten Asienerklärer der Nazionalsozialisten. Sein Buch „Indien ohne Wunder“, wurde in mehrere Sprachen übersetzt, dies ist die schwedische Ausgabe: „Indisk Vardag“ = Indischer Alltag.

Der Asienerklärer.

Einer der merkwürdigsten Autoren, von dem ich je etwas über Asien las, ist Hafiz Manzooruddin Ahmad. In den 1930er und 1940er Jahren schrieb er im nationalsozialistischen Deutschland erfolgreiche Bücher, darunter zwei äußerst lesenswerte über Indien, die zahlreiche Auflagen erlebten und in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sein Thailand. Land der Freien über das kurz zuvor umbenannte Siam, ist heute ein gesuchtes antiquarisches Buch. Und seine strategische Abhandlung über Turan, Turkestan und Tibet: Kampf um leere Räume wird immer noch von Historikern zitiert und liest sich stellenweise spannend wie ein Kriminalroman. Aber wer war dieser Ahmad, ein Name, von dem man nach dem Kriege nie mehr etwas gehört hat?

Ahmads erfolgreichstes Buch, links die italienische, rechts die deutsche Ausgabe.

Sein erfolgreichstes Buch widmete er seiner Frau

Nur aufgrund von Klappentexten, Rezensionen und Vorworten seiner Bücher wußte man zur Zeit der Recherche für diesen Artikel überhaupt noch einige Details über ihm. Mit der Ausnahme eines Vortrags von Volker Grabowsky über die Beziehungen zwischen Siam und Deutschland zwischen 1925 und 1945 bei der Thaistudien-Konferenz an der Humboldt Universität Berlin im Jahre 2012, und der wenigen hier genannten Quellen, war alles, was bis zum 8. April 2019 in Büchern und Aufsätzen oder online über Ahmad zu recherchieren war, und nicht auf die von Ahmad selbst hinterlassenen Schriften zurückzuführen war, falsch oder bedeutungslos. Die Historikerin Eva-Maria Stolberg zum Beispiel macht aus ihm einem „Exil-Iraner“, obwohl es den „Iran“ noch gar nicht gab, als Ahmad im Deutschen Reich seine ersten Aufsätze veröffentlichte (Eva-Maria Stolberg: „Russland als eurasisches Regime […]“ – Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte […] Jg 17 Heft 4. Leipzig 2007, 51).

David Motadel, auch Historiker, beschreibt ihn als „arabischen Publizisten“, den er auch flugs noch arabisierend in „Mansur aI-Din Ahmad“ umtauft (arab. Manṣūr = siegreich; arab. al-Din = der Glaube; – „-uddin“ ist die Urdu-Version dieses „Aladdin“). Lustigerweise war „Mansur aI-Din Ahmad“ übrigens zum Zeitpunkt der hier vorgelegten Recherche ein im gesamten Internet unbekannter Name. Mit einer Ausnahme: Man fand damit hier die kostenlose englische Version von Motadels äußerst lesenswertem Buch, in dem die kleine Arabisten-Namenspedanterie nämlich ausschließlich vorkam. ;–)) (David Motadel: Für Prophet und Führer. Die Islamische Welt und das Dritte Reich. Stuttgart 2017, 89.)

Eine gegen die Sowjetunion gerichtete strategische Abhandlung, die vor allem den Kampf der mohammedanischen Turkvölker gegen die Sowjetunion in den heldenhaftesten Tönen schilderte.

Leere Räume? Für wen?

H. Manzooruddin Ahmad, wie sein Name auf den meisten Umschlägen seiner Bücher stand, war weder Araber noch Perser oder Türke, sondern Mohammedaner aus dem damaligen Britisch-Indien. Nach Angaben des Goldmann Verlags von 1942 hatte er in Heidelberg, Hamburg und Berlin studiert. Sein Fach wurde nicht genannt. Erstmals taucht er als Student in der Liste der Islamischen Gemeinde Berlin im Registeramt 1923 auf. Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ist sein Name in Deutschland aktenkundig; meist lebte er im Raum Berlin. Er soll Berichterstatter für indische Zeitschriften gewesen sein, wie man ebenfalls Verlagsangaben entnehmen kann. Einen Beleg dafür fand ich allerdings bisher nicht. Sein 1942 erschienenes Buch „Indien ohne Wunder“ widmete er seiner Frau. Sie wird nicht namentlich genannt, war aber vermutlich eine Deutsche, da beinahe alle Inder, die auch während des Krieges im Deutschen Reich blieben, mit Deutschen verheiratet waren.

Nach dem Kriege soll er sich nach London abgemeldet haben, dort verliert sich nach derzeitigem Stand seine Spur. Nach Auskunft des Imams der ältesten Moschee in Deutschland, Amir Aziz, sei Ahmad Mitglied der Wilmersdorfer Moscheegemeinde gewesen, wofür er aber auf Nachfrage keine Dokumente nannte. Eher als Beweis des Gegenteils, also daß er dort nicht Mitglied war, taucht sein Name in den jährlichen Sitzungsprotokollen allerdings nie auf. In der Zeitschrift Moslemische Revue der Wilmersdorfer Gemeinde scheint er nie einen Satz geschrieben zu haben; nicht einmal seine erfolgreichen Bücher wurden dort je besprochen, oder auch nur erwähnt.

Die Moschee führte allerdings Buch über diejenigen Mohammedaner, die den Krieg überlebt hatten. In dieser Liste taucht er auf: Hafiz Manzooruddin Ahmad, Grazer Platz 23, Friedenau, Telefon 71 28 77. Die Adresse, eine bevorzugte Wohngegend direkt an der 1907 gegründeten Kleingartenkolonie Grüne Aue, und die Telefonnummer deuten darauf hin, daß es ihm während des Krieges wohl vergleichsweise gut gegangen war.

Gerdien Jonker, eine der besten Kennerinnen der Geschichte der missionierenden Lahore-Ahmadiyya-Bewegung zur Verbreitung islamischen Wissens in Europa (zu der die Wilmersdorfer Moscheegemeinde gehört), glaubt nicht, daß Ahmad Mitglied der Ahmadiyya Gemeinde gewesen sei. Dafür sei diese zu liberal gewesen. Zwar habe sich der Berliner Zweig des antisemitischen Netzwerkes des Allgemeinen Islamischen Kongresses von 1931, zu dem Ahmad gehörte, in der Wilmersdorfer Moschee getroffen, aber das hatte vor allem integrative Zwecke, wie man in Jonkers 2016 erschienenen umfangreichen Darstellung Missionizing Europe. The Ahmadiyya Quest for Religious Progress […] nachlesen kann.

„How to...“: Umgang mit Indern.

„How to“: Umgang mit Indern.

Ein sogenannter „Islamischer Weltkongreß, Zweigstelle Berlin“ war im Oktober 1932 von dem persischen Studenten Hossein Danesch mit 19 weiteren Personen, darunter Ahmad, ausdrücklich als Filiale dieses 1931 vom Großmufti von Jerusalem gegründeten Zusammenschlusses von mohammedanischen Judenhassern als Verein gegründet worden. In erhaltenen Protokollen der Sitzungen vom 29. März und 18. April 1933 in der Berliner Moschee ist Ahmad als anwesendes Mitglied verzeichnet. Im Jahre 1942 schrieb er an einer Biographie über den oben genannten Großmufti (der zu dieser Zeit in der Wilmersdorfer Moschee predigte), und zwar als Doktorarbeit unter der Regie des erzrassistischen und antisemitischen „Historikers“ und Nazi-Propagandisten Johann von Leers, wie David Motadel in seinem Buch Islam and Nazi Germany’s War berichtet (Seite 70; deutsche Ausgabe: Seite 89). Die Arbeit sollte im SS-Blatt Ahnenerbe publiziert werden, aber ich fand keinen Beweis dafür, dass Ahmad seine Studien tatsächlich mit einem Doktortitel gekrönt hat.

H. Manzooruddin Ahmad, wie er seinen Namen auf Buchtiteln und über Aufsätzen abkürzte (auch „Mansúruddin“ und „Mansouruddin“ kamen als Varianten des Vornamens vor), hatte beste Beziehungen in allerhöchste Kreise der nationalen Sozialisten im Reich. So wird er nach einer Information von Gerdien Jonker auch als erster stellvertretender Vorsitzender im Gründungskomitee des von Joseph Goebbels initierten Islamischen Zentralinstitut (IZI) Deutschlands genannt. Sie tippt außerdem auf Verbindungen zu der von dem mit einer Österreicherin verheirateten Subhash Chandra Bose gegründeten indischen Exilregierung Azad Hind („Freies Indien“) und das indische Komitee, das die Radiopropaganda für Indien versorgte, aber dafür gebe es keine Quellen.

Ahmad muß ein vielseitig begabter Mensch gewesen sein. Seine Bücher waren unterhaltsam, ja spannend und vor allem kenntnisreich geschrieben und mit Anekdoten gespickt. Seine beiden Indien-Bücher stechen dabei inhaltlich und stilistisch heraus. Sie sind heute noch informativ und lesenswert, wenn man sich des Hintergrunds bewußt ist, vor dem sie geschrieben wurden. Zeitgemäß bemühte sich Ahmad nicht immer um faire Berichte im Sinne eines kritischen Journalismus, wie es ihn zum Beispiel in der alten Bundesrepublik bis um das Jahr 2000 einmal gab, aber er ermöglichte erstaunlich informative Einblicke in exotische Länder, deren Besuch den meisten Lesern zu dieser Zeit verschlossen war.

Über sein 1937 erschienenes Buch Geheimnisvolles Indien? hieß es in einer Rezension im Simplicissimus:

Das, was einem Europäer nie gelungen ist und nie gelingen wird, schildert der Verfasser, ein Inder, der als solcher Indien erlebt, wie ein Fremder es nie erleben kann. Das eigentliche Wesen des uralten Kulturvolkes in seinem ganzen Farbenreichtum wird hier lebendig. Das Buch kann als neue, grundlegende Schilderung über jenes Land gelten, das sich dem Fremden stets unter tausend Rätseln und Geheimnissen zu verbergen sucht. Es erklärt die Strenge des Kastenwesens aus dem religiösen Empfinden heraus und erläutert, wie überhaupt die tiefe Religiosität des indischen Volkes für vieles erst eine Deutungsmöglichkeit gibt, das ohne dieses Wissen unerklärlich erscheinen muß. Die krassen Gegensätze zwischen Glanz und Elend werden lebendig und verständlich auch in dem Lichte der Kenntnis der indischen Volksseele: ein Buch das kaum eine Frage über dieses Land offen läßt. (Z.)

Schon während der Weimarer Republik veröffentlichte Ahmad deutsch geschriebene Artikel, seine frühesten von mir gefundenen Beiträge erschienen ab 1930 in der im Hugo Bermüller Verlag, Berlin-Lichterfelde, erscheinenden Zeitschrift Der Erdball. Sie trugen Titel wie zum Beispiel „Bilder aus Indien“, „Im Lande der Königssöhne“, oder „Kastenjoch in Indien“.

Artikel von Ahmad in  „Der Erdball“, 1931.

„Der Erdball“, 1931.

Offener Parteinahme enthielt er sich meistens, wenn auch zum Beispiel in oder zwischen manchen Zeilen seiner Abhandlungen und Bücher deutlich wird, daß er seine eigene totalitäre Weltanschauung nach Mohammed auf Augenhöhe mit den Ideologien nationaler oder internationaler Sozialisten bzw. Faschisten nach Hitler, Lenin oder Mussolini sah. Ebenso ist erkennbar, daß aus seiner Sicht in Indien selbstverständlich zuerst der Mohammedanismus, weniger der zum Beispiel durch das Kastenwesen von ihm als rückständig geschilderte Hinduismus, einen gangbaren Pfad zu einem modernen Staat aufzeigen würde. – Für letzteres ist heute die traurige Existenz der sich als Staat maskierenden, bildungsfernen Jauchegrube Pakistan der leider schwer widerlegbare Gegenbeweis.

Manzooruddin Ahmad schaffte es schon in seinen frühesten Artikeln mühelos und wie nebenbei, zum Beispiel die Auswirkungen des jahrhundertelang in Indien geführten Dschihads der Mohammedaner gegen die nach islamischer Doktrin lebensunwerten Kuffar zu beschönigen und sogar umzudeuten. Ein Beispiel dazu mit einer kleinen Einführung:

In Groß-, Hinter- und Inselindien fielen nach konservativen Schätzungen unter anderem mindestens zehn Millionen Buddhisten und achzig Millionen Hindus dem Dschihad zum Opfer. Ein Kafir bekam hier nur selten die Chance, wie Christen oder Juden in anderen Eroberungsgebieten (Bagdad, Jerusalem, Ägypten, Tunis, Andalusien, Konstantinopel…), wenigstens als Dhimmi zu überleben, solange er der selbsternannten Krone der Menschheit nützlich erschien. Junge Mädchen allgemein und Frauen der oberen Schichten im besonderen erwartete nach erfolgreichen Raub- und Eroberungszügen der Dschihadisten in Indien regelmäßig die Erniedrigung als lebenslange Sex- oder Arbeitssklavinnen, falls sie die eingefallenen Barbarenhorden überhaupt überlebt hatten. Deswegen nahmen sich hunderttausende indische Frauen lieber freiwillig das Leben, als sich den „Rechtgläubigen“ auszuliefern, wie zum Beispiel mindestens vierundzwanzigtausend Frauen alleine in der Stadt Chittor:

Es war der Ort von drei großen Belagerungen (1303, 1535 und 1567–1568) von muslimischen Eindringlingen. Ihre Hindu-Herrscher kämpften heftig darum, ihre Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. Bei drohenden Niederlagen kämpften die Männer mehr als einmal bis zum Tode, während die Frauen durch Massenverbrennung Selbstmord begingen. (Wikipedia)

Ahmad geht über die im Namen des Haßpredigers und Kriegsherrn Mohammed verübte Grausamkeit, das Blut, die Tränen und die Ursache für das Todesgeschrei in dieser Stadt, die er als sehenswert für Besucher beschreibt, souverän hinweg, obwohl ihm eigentlich bekannt gewesen sein müßte, daß diese Form des Massen-Suizids von Frauen in Indien ausschließlich von den Verteidigungskriegen gegen die Mohammedanerhorden, nicht jedoch von anderen Kriegsereignissen bekannt ist. Er verkehrt die historisch belegten Gründe für den Tod zehntausender Frauen und Mädchen selbstbewußt in ihr Gegenteil, und macht sogar noch eine „heitere“ Herrenrunden-Pointe daraus:

Chittor ist […] stolz darauf, daß nie eine Frau des königlichen Hauses mit einem muslimischen Kaiser [sic] die Ehe einging, und daß sich ihre Vorfahren erst nach erbitterten Kämpfen den muslimischen Kaisern beugten […]. Das Leben in den Straßen […] erinnert lebhaft an das indische Mittelalter. […] Der 80 Fuß hohe Dschainaturm wurde im 9. Jahrhundert von dem Maharana Sri Allat erbaut, der ihn dem ersten Dschaina-Heiligen Adnath widmete, und ist […] das einzige erhaltene von ähnlichen Denkmälern damaliger Zeit. […] In einer Höhle ruht hier auch die Asche von 24 000 Frauen Chittors, die von ihren eigenen Männern verbrannt wurden, als der Kaiser Alauddin 1303 die Stadt belagerte. Diese grausame Handlungsweise, Jauhar genannt, wurde von den Radschputen geübt, um die Frauen nicht in die Hände der Feinde fallen zu lassen; erst dann zogen sie gegen den die Stadt belagernden Feind. Siegten sie dann doch, so verschönerten eben fernerhin andere Frauen ihr Leben. (H. Manzooruddin Ahmad: „Im Lande der Königssöhne.“ – Der Erdball. Jahrgang IV, Heft 4. Berlin-Lichterfelde: Bermüller 1930, 138 f.)

Geheimnisvolles Indien? Links die deutsche, rechts die tschechische Ausgabe.

Geheimnisvolles Indien? (1937)

Seine späteren Indien-Bücher sind indes von anderem Kaliber. Durchaus nüchtern wirkt Ahmads Kapitel „Die Frau in Indien“ in seinem 1937 erschienenen Indien ohne Wunder? Mit Bezug auf die dort verbreitete Abschirmung von Frauen geht er zwar wiederum nicht auf die tatsächlichen Ursachen ein: Erstens die Islamisierung nach dem Einfall der Dschihadisten, die unverhüllte Frauen in der Öffentlichkeit als Freiwild betrachteten. Zweitens gewisse viktorianische Einflüsse, deren Folgen noch heute in Asien bemerkbar sind. (Viele der gerne von asiatischen Diktatoren und elitären Pseudo-Demokraten wie dem malaysischen Führer Mohamad Mahathir vorgeschobenen sogenannten „Asiatischen Werte“ sind in Wirklichkeit viktorianische Werte, wie man etwa unter dem Stichwort „Realitätsmythen“ bei Rüdiger Korff nachlesen kann). Ahmad liest sich dennoch ziemlich ehrlich, wenn er schreibt:

Viel seltener als man in Europa annimmt, hat ein Mann mehr als eine Frau; hauptsächlich Fürsten und reiche Leute leisten sich diesen Luxus. Ein Inder des Mittelstandes, oder der minderbemittelten Volksschichten, nimmt gewöhnlich eine zweite Frau nur, wenn ihm die erste keinen Sohn schenkte. […] Während ihre Hinduschwester des Mittelstandes und der reicheren Bevölkerung meistens doch einmal am Tage das Haus verläßt, lebt die Mohammedanerin vom Mittelstand ab fast ganz zurückgezogen im Sanana. Die Mädchen erhalten in allen hauswirtschaftlichen Dingen eine gründliche Ausbildung durch ihre Mutter. Denn wenn auch ein Haushalt des Mittelstandes sich vielleicht Bedienung halten kann, so muß trotzdem die Hausfrau tüchtig zugreifen. […]
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[Man darf] nicht vergessen, daß das Pardahsystem niemals über ganz Indien und nur im Mittelstand und in den höheren Kreisen verbreitet war und ist. Abgeschlossen lebende Frauen trifft man hauptsächlich im Norden des Landes an, in den anderen Gegenden nur bei den Mohammedanern. […] so bleiben allerhöchstens zehn von hundert Inderinnen, die selten das Haus verlassen. Von diesen könnte aber höchstens eine Mangel an Licht und Luft erleiden […], wegen der Bauart der indischen Häuser, die alle einen offenen Innenhof haben […].
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[…] Wenn es auch Familien in Indien gibt, in denen die Frauen streng abgeschlossen […] leben, aber dennoch über eine gute Bildung verfügen und regen Anteil an allen Vorgängen des öffentlichen Lebens nehmen, so können doch auch sie ihren Gatten und Kindern nicht in […] Angelegenheiten der Außenwelt zur Seite stehen. Ich spreche daher auch keineswegs für das Pardahsystem, zumal genug Bestrebungen am Werk sind, es nach und nach auch in Indien abzuschaffen.
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Bedauernswert liegen die Verhältnisse für viele Witwen, weil man in […] ihrer Witwenschaft schwere Verfehlungen in einem früheren Dasein erblickt. Darum setzt sich die indische Frauenbewegung, die auch die Erlangung des Scheidungsrechts und die Gleichberechtigung im Erbrecht der Frau, den Zwangsunterricht [sic] für Mädchen sowie die Abschaffung der Polygamie, Pardah, der Sitte der hohen Mitgift, Verschwendung bei Familienfesten und des Devadasi-Wesens auf ihre Fahne geschrieben hat, zuerst für die Witwen ein. Sie ist bestrebt, die Witwen auszubilden, ihnen eine Arbeitsmöglichkeit zu verschaffen, sie wirtschaftlich unabhängig zu machen und ihnen die Wiederheirat zu ermöglichen.
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Die Erfolge dieser Bewegung sind schon überall deutlich. Tausende von Schulen für Mädchen […] (Geheimnisvolles Indien? (1937), 139 ff.)

Hafiz Manzooruddin Ahmads Thailand-Buch ist, gute Erhaltung vorausgesetzt, heute immer noch begehrt.

Ein gesuchtes Buch

Sein Buch Thailand. Land der Freien von 1942 (offiziell auf 1943 vordatiert), das sogar kurz vor Kriegsende mit der Jahresangabe 1945 nochmals aufgelegt wurde, kommt nicht an die Intensität und Nähe seiner beiden Indien-Werke heran. Offenbar hatte Ahmad dieses Land nicht selbst bereist, die beigegebenen Bilder waren nicht die seinen. Dennoch – oder gerade deshalb? – bejubelte Ahmad die offiziell in Thais umbenannten Siamesen geradezu als „Herrenvolk“, was allerdings schon deshalb zeitgemäß war, weil Thailands Diktator Phibun damals in der Tat fast alles nur Denkbare tat, um mit den von ihm bewunderten europäischen faschistischen und nationalsozialistischen Führern, vor allem mit Mussolini und Hitler, auf Augenhöhe zu sein. Eigens zu diesem Zweck hatte Phibun, in dessen Amtszimmer eine Mussolini-Büste von Corrado Feroci alias Sin Phirasi stand und dessen Jugendorganisationen beste Beziehungen zur Hitlerjugend pflegten, zum Beispiel „Heil“ (= „Sawatdi“, wie in สวัสดีพิบูล „Sawatdi Phibun“, dem thaiIändischen „HeiI HitIer) als neuen Gruß, und „Chaiyo!“ (ไชโย) als zeitgemäßes „Hurra!“ nach europäischen Vorbild eingeführt. Beide Schöpfungen nach dem Willen des keineswegs unbeliebten Diktators, der von einem „Groß-Thailand“ mit Laos, Teilen Birmas und Kambodschas träumte, sind noch heute in in dem Land die Norm. Ahmad schrieb in seinem Thailand-Buch stellenweise ziemlich verquastes Zeug über Land und Volk in Hinterindien:

Die Thai erscheinen […] als ein Herrenvolk. Die Eigenschaften des Herrenvolkes befähigen sie, die Führung anderer, geringerer Völker zu übernehmen und sie zu Staatsvölkern umzuschmelzen. […] In jahrhundertelangen, wechselvollen Kämpfen behauptet sich das von den Thai geführte und geformte Volkstum immer wieder gegen seine mächtigen Rivalen im Osten und Westen […] Entwicklungen, die im 17. Jahrhundert angebahnt wurden, setzen sich heute mit überraschender Schnelligkeit durch. Noch ist Thailand ein Objekt dieser Entwicklungen, aber alle Voraussetzungen liegen vor, dass es aus seiner Enge wieder hervortritt und die Aufgaben übernimmt, die Japan auf die Dauer in diesem Teile Asiens nicht übernehmen kann. („Das Geheimnis der Enge“ – Thailand. Land der Freien, 257 – Hier sind noch weitere Auszüge in diesem Stil nachzulesen.)

Mit Bildern von Ahmad.

Mit Bildern von Ahmad.

Ob und inwiefern an solchen heute hanebüchen wirkenden Textteilen ein deutscher muttersprachlicher Mitautor oder Korrekturleser – vielleicht auch eine deutsche Ehefrau? – beteiligt war, könnte nur vermutet werden. Das Buch enthält allerdings auch Kapitel nach Quellen, die man in deutscher Sprache nirgendwo sonst findet, wie zum Beispiel einen ganzen Abschnitt über die Thai-Geschichte des frühen 17. Jahrhunderts, die Ahmad anhand der Abenteuer eines geheimnisvollen John Smith in Malaya 1600–1605 abwickelte („Das verlorene Paradies.“ – Thailand. Land der Freien, 43–61. – Über A. Hale, den fast vergessenen, aber bemerkenswerten Urheber dieser Quelle schreibe ich demnächst an anderer Stelle). Dagegen erwähnte Ahmad erstaunlicherweise mit keinem Wort das 1939 im gleichen Verlag erschienene, kurz vor dem Druck von Ahmads Werk erneut aufgelegte Buch Thailand. Das neue Siam. von Wilhelm Friedrich Gordon (angeblich das Pseudonym eines gewissen Wilhelm R. F. Kiewitt, über den man allerdings auch nichts weiß). Dabei sind beide Werke in ihren politischen Beschreibungen und Zielen verwandt. Dennoch kommt Gordons Werk nicht einmal in Ahmads allgemeinen Literaturhinweisen „Aus dem Schrifttum“ vor.

In seinem 1940 veröffentlichten Buch über die Turk- und andere Völker in Zentralasien, dem oben bereits erwähnten Kampf um leere Räume, schlägt Ahmad einen weiten Bogen vom Ringen der „Hunnen und Burgunder“ am Rhein, über Dschingis Khan bis zu dem als heroisch geschilderten Kampf der Mohammedaner in Asiens Steppen und Kältewüsten gegen Briten, Chinesen und Russen, welche damals gerade passend die Kriegsgegner des nationalsozialistischen Reichs und seiner Verbündeten waren. Als einziges seiner mir bekannten Bücher und Aufsätze ist es, von Kartenskizzen abgesehen, nicht bebildert. Dennoch liest es sich spannend wie aus dem persönlichen Erleben heraus geschrieben. Auch an kurzweilig zu lesenden Episoden und Pointen mangelt es nicht, etwa wenn Ahmad den einen oder anderen Führer rückständiger Kuffar im Dār al-Harb beschreibt:

Bis 1906 weilte der flüchtige Dalai Lama in Urga bei seinem hohen geistlichen Bruder, dem Chutuktu der Mongolei. Der damalige Chutuktu war ein lustiges Huhn und wußte Frauen und Wein ebenso zu schätzen wie der unglückliche sechste Dalai Lama. Die unkirchliche Freude an irdischen Dingen hinderte ihn keineswegs, sich als quicklebendige Verkörperung Buddhas zu fühlen und auf seine Würde zu pochen. (Kampf um leere Räume, 119)

In der Tat veröffentlichte Ahmad nicht nur locker und „zeitgemäß“ geschriebene Bücher, sondern er photographierte auch hervorragend.

Zwei Bilderseiten der tschechischen Ausgabe von „Geheimnisvolles Indien“.

Bilder aus Indien.

Seine wie aus einer modernen, journalistischen Sicht auf Menschen und Dinge aufgenommenen Bilder, mit denen seine auch in dieser Hinsicht hervorstechenden Indien-Bücher ausgestattet sind, trugen zu deren Erfolg gewiß bei. „Geheimnisvolles Indien?“ zum Beispiel enthielt fast hundert Illustrationen, von denen der Autor neunzig Bilder auf Reisen durch seine Heimat mit einer Contax Kamera selbst angefertigt hatte. Selbst das Oberkommando der Wehrmacht verwendete in seiner imperialistischen „Tornisterschrift Indien“ von 1942 Bilder von ihm. Sein eingängiger und erfolgreicher Buchtitel „Indien ohne Wunder“ wurde nach dem zweiten Weltkrieg mehrfach plagiiert, zum Beispiel schon 1948 von Olga Tschetschetkina und 1960 von Peter Schmid.

Ahmads wohl letzte im Deutschen Reich veröffentlichte Arbeit scheint die Broschüre „Inder“ gewesen zu sein, die 1943 in der Reihe „Umgang mit Völkern“ bei Luken & Luken in Berlin erschienen ist. Darin wendet er sich mit einem verblüffenden Argument gegen die begründete Ansicht von Wissenschaftlern, daß der Hinduismus erst unter dem Druck des kriegerischen Mohammedanismus sowie des ebenso expansiven Christentums auch weniger tolerante Züge angenommen habe, bzw. daß der an sich tolerante, nicht expansive Hinduismus (wie auch der Buddhismus und der Jainismus) geradezu im Gegensatz zur Kriegslehre des Mohammed stehe. Er zitiert dazu zunächst den bedeutenden deutschen Indologen Helmuth von Glasenapp:

Die Idee der Toleranz ist bei den Hindus zu allen Zeiten so stark entwickelt gewesen, daß wir bei ihnen nur vereinzelt Glaubenskriege und Ketzerverfolgungen finden. Erst das Eindringen dogmatischer Religionen, wie des Islams und der Glaubenslehre des Westens, hat durch den Druck, den heilige Kriege und Inquisitionsgerichte mit sich brachten, bei den Hindus einen Gegendruck erzeugt, der ihre Mentalität so weit wandelte, daß sie auch mit weltlichen Waffen gegen Religionen stritten, die sie sonst nur mit geistigen bekämpft hatten. („Inder“, 4.)

Ahmad hält mit einem lupenreinen Beispiel für Taqiyya dagegen:

[Dazu] bemerke ich, daß die Intoleranz des Islams, an die […] Glasenapp denkt, von durchaus zuständiger Seite bestritten und in ihr Gegenteil verkehrt wird. Der Islam ist nach dieser, in den Tatsachen wohlbegründeten Auffassung nicht die Religion, die mit „Feuer und Schwert“ ausgebreitet werden soll, sondern vielmehr die erste Weltreligion, die den Angehörigen anderen Glaubens einen gesicherten und anerkannten Platz zuwies. („Inder“, 5.)

Nach dem Kriege soll er Deutschland verlassen und sich nach London abgemeldet haben. Seitdem hat man von Hafiz Manzooruddin Ahmad nie mehr etwas gehört oder gelesen.

Bekannte Buchveröffentlichungen:

1 Geheimnisvolles Indien? Indien von einem Inder gesehen. Berlin: Deutsche Verlagsgesellschaft 1937.
Tajemná Indie? Indie, jak ji vidí Ind. [přeložila Věra Pössnerová]. Praha: Evropský literární klub 1941 (Tschechisch: Geheimnisvolles Indien)
2 Kampf um leere Räume. Turan Turkestan Tibet. Leipzig: Wilhelm Goldmann 1940.
3 Indien ohne Wunder. Leipzig: Wilhelm Goldmann 1942.
Indisk vardag. En bok om mitt hemland. Malmö: Dagens Böker 1943 (Schwedisch: Indien ohne Wunder).
India senza miracoli. Roma: Ed. Mediterranea 1943 (Italienisch: Indien ohne Wunder).
4 Thailand. Land der Freien. Leipzig: Wilhelm Goldmann 1943 [recte 1942].
5 Inder [Umgang mit Völkern 5]. Berlin: Luken & Luken, 1943. (Unbebilderte, vierzigseitige Broschüre, sie wurde nach dem Kriege von Clarissa Leifer für den gleichen Verlag neu geschrieben.)

(Herzlichen Dank an Dr. Gerdien Jonker für Einblicke in Dokumente und Hinweise auf Quellen.)

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