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Hans Michael Hensel

Hafiz Manzooruddin Ahmad

Hafiz Manzooruddin Ahmad war der unangefochtene Indienerklärer und einer der wichtigsten Asienerklärer der Nationalsozialisten. Sein Buch „Indien ohne Wunder“, wurde in mehrere Sprachen übersetzt, dies ist die schwedische Ausgabe: „Indisk Vardag“ = Indischer Alltag.

Der Asienerklärer.

Einer der merkwürdigsten, zugleich aber auch interessantesten Autoren, von dem ich je etwas über Asien las, ist Hafiz Manzooruddin Ahmad. In den 1930er und 1940er Jahren schrieb er im nationalsozialistischen Deutschland erfolgreiche Bücher, darunter zwei äußerst lesenswerte über Indien, die zahlreiche Auflagen erlebten und in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sein Thailand. Land der Freien über das kurz zuvor umbenannte Siam, ist heute ein gesuchtes antiquarisches Buch. Und seine strategische Abhandlung über Turan, Turkestan und Tibet: Kampf um leere Räume wird immer noch von Historikern zitiert und liest sich stellenweise spannend wie ein Kriminalroman. Aber was für ein Mensch war dieser Ahmad, von dem man nach dem Kriege nie mehr etwas gelesen oder gehört hat?

Ahmads erfolgreichstes Buch, links die italienische, rechts die deutsche Ausgabe.

Sein erfolgreichstes Buch widmete er seiner Frau

Nur aufgrund von Klappentexten, Rezensionen und Vorworten seiner Bücher wußte man zur Zeit der Recherche für diesen Artikel überhaupt noch einige wenige Dinge über ihm. Mit der Ausnahme eines Vortrags von Volker Grabowsky über die Beziehungen zwischen Siam und Deutschland zwischen 1925 und 1945 bei der Thaistudien-Konferenz an der Humboldt Universität Berlin im Jahre 2012, und einer weiteren Quelle, war alles, was bis zum 8. April 2019 in Büchern und Aufsätzen oder online über Ahmad zu recherchieren war, und nicht auf die von Ahmad selbst hinterlassenen Schriften zurückzuführen war, falsch oder bedeutungslos. Die Historikerin Eva-Maria Stolberg zum Beispiel macht aus ihm einem „Exil-Iraner“, obwohl es den „Iran“ noch gar nicht gab, als Ahmad im Deutschen Reich seine ersten Aufsätze veröffentlichte (Eva-Maria Stolberg: „Russland als eurasisches Regime […]“ – Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte […] Jg 17 Heft 4. Leipzig 2007, 51).

David Motadel, auch Historiker, beschreibt ihn als „arabischen Publizisten“, den er auch flugs noch arabisierend in „Mansur aI-Din Ahmad“ umtauft (arab. Manṣūr = siegreich; arab. al-Din = der Glaube; – „-uddin“ ist die Urdu-Version dieses „Aladdin“, während der vorangestellte Zusatz „Hafiz eine Person bezeichnet, die den gesamten Koran auswendig weiß und häufig daraus zitiert). Ironischerweise war „Mansur aI-Din Ahmad“ zum Zeitpunkt der hier vorgelegten Recherche ein im gesamten Internet unbekannter Name. Mit einer einzigen, immerhin nützlichen Ausnahme: Man fand damit hier eine kostenlose englische Version von Motadels ansonsten äußerst lesenswertem Buch, in dem diese kleine Arabisten-Namenspedanterie nämlich ausschließlich vorkommt. ;–)) (David Motadel: Für Prophet und Führer. Die Islamische Welt und das Dritte Reich. Stuttgart 2017, 89.)

Eine gegen die Sowjetunion gerichtete strategische Abhandlung, die vor allem den Kampf der mohammedanischen Turkvölker gegen die Sowjetunion in den heldenhaftesten Tönen schilderte.

Leere Räume? Für wen?

H. Manzooruddin Ahmad, wie sein Name auf den meisten Umschlägen seiner Bücher stand, war weder Araber noch Perser oder Türke, sondern Mohammedaner aus dem damaligen Britisch-Indien. Nach Angaben des Goldmann Verlags von 1942 hatte er in Heidelberg, Hamburg und Berlin studiert. Sein Fach wurde nicht genannt. Erstmals taucht er als Student in der Liste der Islamischen Gemeinde Berlin im Registeramt 1923 auf. Er soll Berichterstatter für indische Zeitschriften gewesen sein, wie man ebenfalls Verlagsangaben entnehmen kann. Einen Beleg dafür fand ich allerdings bisher nicht. Sein 1942 erschienenes Buch „Indien ohne Wunder“ widmete er seiner Frau. Sie wird nicht namentlich genannt, war aber vermutlich eine Deutsche, da beinahe alle Inder, die auch während des Krieges im Deutschen Reich blieben, mit Deutschen verheiratet waren. [Sie war eine Deutsche, lesen Sie dazu bitte die Aktualisierung am Ende dieses Artikels.]

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete Ahmads Spur zum Zeitpunkt dieser Recherche. Den aktualisierten Stand, wo er nach dem Kriegsende 1945 möglicherweise geblieben ist, lesen Sie bitte am Schluß dieses Aufsatzes.

Nach Auskunft des Imams der ältesten Moschee in Deutschland, Amir Aziz, sei Ahmad ein Mitglied der Wilmersdorfer Moscheegemeinde gewesen, wofür er aber auch auf Nachfrage keine Dokumente nannte. Eher als Beweis des Gegenteils, also daß er dort nicht Mitglied war, taucht sein Name in den jährlichen Sitzungsprotokollen allerdings nie auf. In der Zeitschrift Moslemische Revue der Wilmersdorfer Gemeinde scheint er nie einen Satz geschrieben zu haben; nicht einmal seine erfolgreichen Bücher wurden dort je besprochen, oder auch nur erwähnt.

In der Moschee führte man allerdings Buch über diejenigen Mohammedaner, die in Deutschland den Krieg überlebt hatten. In dieser Liste taucht er auf: Hafiz Manzooruddin Ahmad, Grazer Platz 23, Friedenau, Telefon 71 28 77. Die Adresse, eine gemütliche Wohngegend direkt an der 1907 gegründeten Kleingartenkolonie Grüne Aue, und die Telefonnummer deuten darauf hin, daß es ihm während des Krieges wohl vergleichsweise gut gegangen war.

Gerdien Jonker, eine der besten Kennerinnen der Geschichte der missionierenden Lahore-Ahmadiyya-Bewegung zur Verbreitung islamischen Wissens in Europa (zu der die Wilmersdorfer Moscheegemeinde gehört), glaubt nicht, daß Ahmad Mitglied der Ahmadiyya Gemeinde gewesen sei. Dafür sei diese zu liberal gewesen. Zwar habe sich der Berliner Zweig des antisemitischen Netzwerkes des Allgemeinen Islamischen Kongresses von 1931, zu dem Ahmad gehörte, in der Wilmersdorfer Moschee getroffen, aber das hatte vor allem integrative Zwecke, wie man in Jonkers 2016 erschienenen umfangreicher Darstellung Missionizing Europe. The Ahmadiyya Quest for Religious Progress […] nachlesen kann.

Der sogenannte „Islamische Weltkongreß, Zweigstelle Berlin“ war im Oktober 1932 von dem persischen Studenten Hossein Danesch mit 19 weiteren Personen, darunter Ahmad, ausdrücklich als Filiale dieses 1931 vom Großmufti von Jerusalem initiierten Zusammenschlusses von mohammedanischen Judenhassern als Verein gegründet worden. In erhaltenen Protokollen der Sitzungen vom 29. März und 18. April 1933 in der Berliner Moschee ist Ahmad als anwesendes Mitglied verzeichnet. Im Jahre 1942 hatte er ein Buch über den oben genannten Großmufti (der zu dieser Zeit in der Wilmersdorfer Moschee predigte) geschrieben, die bei den Zensoren auf Zustimmung stieß. Das berichtet David Motadel in seinem Buch Islam and Nazi Germany’s War (Seite 70; deutsche Ausgabe: Seite 89). Motadel wundert sich allerdings, daß man danach nichts mehr von dieser Biographie gehört oder gelesen habe, obwohl das Auswärtige Amt am 23. Dezember 1942 Ahmads Manuskript an das Propagandaministerium geschickt hatte, mit der Erklärung, daß einer Veröffentlichung nichts im Wege stehe. Man war sogar bereit, eine Auflage von zehntausend Exemplaren drucken zu lassen, nach Motadel wären das doppelt so viele gewesen, wie während der Kriegsjahre üblich.

Diese 1943 unter Pseudonym erschienene Biographie des Großmufti von Jerusalem, Amin al-Hussaini, war ebenfalls das Werk von Manzooruddin Ahmad.

Auch von Ahmad.

Man hat allerdings, anders als Motadel annimmt, sehr wohl wieder von diesem Buch gehört. Schon Mitte 1942 hatte nämlich der vor 1942 nie mit politischen Büchern hervorgetretene Walter Titz Verlag (nach 1945 Titz Verlag GmbH) in Ahmads Berliner Wohnort Friedenau, unter anderem zwei Biographien von „H. M. Ahmad“ angekündigt:

1. Amin al-Husseini. Großmufti von Palästina.
2. Raschid Ali el-Gailani. Ministerpräsident des Irak.

Es handelte sich um die wichtigsten arabischen Verbündeten der Nationalsozialisten, die beide an der über den Sender Zeesen verbreiteten Rundfunkpropaganda in den arabischen Raum – als „Voice of Free Arabism“ VFA und als „Radio Berlin“ – inhaltlich beteiligt waren.

Geplant war eine Propaganda-Buchreihe unter dem Titel „Köpfe und Kräfte der Weltpolitik“. Zugleich mit Ahmads Projekten kündigte der Verlag auch Biographien von „Dr. Hans Reh“ über Karl Gustav Mannerheim und Pehr Evin [sic] Svinhufvud, von „Chikao Imani“ über Hideki Tojo [sic], Wang Ching-wei und Chang Ching-hui, sowie von „Dr. Stephan Barta“ über Nikolaus von Horty. Keiner dieser Autorennamen taucht jemals an irgendeiner anderen Stelle auf. Vermutlich wurde auch Ahmads wirklicher Name in der Verlagsankündigung nur versehentlich korrekt angegeben. Das spielt allerdings keine Rolle, denn es ist ohnehin nur das erste dieser angekündigten Bücher, nämlich Ahmads Großmufti-Biographie, im Jahre 1943 unter dem Pseudonym „Kurt Fischer-Weth“ tatsächlich erschienen. Um eine biographische Abhandlung handelt es sich dabei außerdem nur zur Hälfte; denn die ersten 45 Seiten ist Ahmad ausschließlich – und auch danach noch zu einem erklecklichen Teil –, damit beschäftigt, des Kriegsherrn Mohammeds politischen Raub-, Vergewaltigungs- und Todeskult als edle „Religion“ darzustellen, und seine modernen Nachfolger, allen voran den Großmufti, dem Leser als natürliche Verbündete der nationalen Sozialisten im gemeinsamen Kampf gegen das verhaßte Judentum anzudienen.

Von dem Namen „Kurt Fischer-Weth“ hat man nach dem Erscheinen dieses Buchs niemals mehr etwas gehört, zweifelsfrei handelt es sich um Ahmads Arbeit. Gleich der Beginn des ersten Kapitels, „Die heilige Stadt“, liest sich wie eine Langfassung der Islam-Verharmlosung als „Religion des Friedens“ in seiner im gleichen Jahr 1943 veröffentlichten Schrift „Inder“ in der Reihe „Umgang mit Völkern“ (siehe letzte Absätze unten). „Kurt Fischer-Weth“ vergleicht den Kriegsherrn Mohammed allen Ernstes mit Martin Luther (mit dem jener zugegebenermaßen unter anderem den Judenhaß und die Geringschätzung von Frauen gemein hatte) und hält seine Leser für einfältig genug, ihm zu glauben, wenn er im Brustton der Überzeugung schreibt,

daß sich der Islam niemals als Feind dieser Religion [des Christentums] fühlte. Mohammed war, das sollte nicht vergessen werden, ein aufrichtiger Freund der Christen. (Kurt Fischer-Weth: Amin Al-Husseini. Großmufti von Palästina. Berlin-Friedenau: Walter Titz 1943, 5 f.)

Walter Titz († 1967) war Inhaber eines Fachverlags für Steuerfibeln und Erbschaftsratgeber, die er vor allem für die Dresdner Bank herstellen ließ. Nur in einem kurzen Zeitraum erschienen 1942 und 1943 erstaunlicherweise auch drei schmale Propagandaschriften in jeweils sehr ähnlicher Ausstattung bei Titz. Unter diesen geht eigentlich nur Ahmads Großmufti-Biographie mit 95 Seiten gerade noch als ordentliches Buch durch. Die erste Schrift wurde in der Berliner Druckerei Hans Fuest hergestellt, die beiden folgenden bei N.V. Arbeiderspers, Amsterdam gesetzt und gedruckt. Alle drei gestaltete der Bauhaus-Schüler Hein Neuner (*1910, †1984), der zusammen mit seinem noch bekannteren Bruder Hannes für einige stilprägende heroisierende Plakate der Zeit bekannt ist. Bei Neuners farbigen Einband des Großmufti-Buches fällt die stilistische Nähe zur schwedischen Ausgabe von Indien ohne Wunder („Indisk Vardag“) auf – man beachte etwa die „Moscheenlandschaft“ im Hintergrund (siehe Bild ganz oben). Ob Hein Neuner tatsächlich auch den schwedischen Einband von Ahmads Indien-Buch gestaltet hat, was man nach dem Augenschein annehmen möchte, habe ich indes noch nicht geprüft.

Der Vollständigkeit halber zu den beiden weiteren bei Titz erschienenen, für den Verlag „ungewöhnlichen“ Propagandaschriften:

• Im gleichen Jahr wie Ahmads Großmufti-Biographie, 1943, erschien ein 72seitiges „heiteres“ antiamerikanisches „Panoptikum von Tollheiten“ von Ernst Machek mit dem Titel Verrückte neue Welt.

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• Bereits 1942 hatte der Indologe Ludwig Alsdorf, der seit der Ankunft von Subhash Chandra Bose im Deutschen Reich dem Sonderreferat Indien des Auswärtigen Amtes zugeteilt war, für Titz unter dem Pseudonym „Botho Ludwig“ das 64seitige Bändchen Indiens Weg zur Freiheit im Sinne der Exilregierung Azad Hind („Freies Indien“) verfaßt. Die gegen England gerichtete Propagandaschrift für Boses Bewegung empfehlen die Münchner Indologin Adelheid Mette und der Sanskrit-Gelehrte Albrecht Wetzler noch heute als „ein informatives, mit Wärme und Engagement geschriebenes kleines Buch“ (Adelheid Mette: „Ludwig Alsdorf: Kleine Schriften. Nachtragsband.“ [Rezension] – Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Jg. 151 Nr. 2. Wiesbaden: Harrassowitz 2001, 467. Online hier).

Diese Mosaiksteine sprechen für Gerdien Jonkers Vermutung, daß Ahmad wohl auch Verbindungen zu Boses Exilregierung und zum Indischen Komitee hatte, das die Radiopropaganda für Indien versorgte.

Sender Freies Indien („Azad Hind“) 1944 zu Gast bei Thea von Harbou („Metropolis“). Sitzend von rechts: Lili Faroqi, A. C. Narayanan Nambiar (nach dem Kriege indischer Botschafter in Deutschland), Thea von Harbou; stehend rechts: Abdul Qudus Faroqi (Arzt, Vater der Orientalistin Suraiya Faroqhi und des Regisseurs Harun Farocki). Bei den übrigen Indern auf dem Bild handelt es sich etwa zur Hälfte um ehemalige Studenten, die für das Auswärtige Amt oder für das Propaganda-Ministerium arbeiteten; unter ihnen KÖNNTE sich Manzooruddin Ahmad befinden. - Bild: Archiv Gerdien Jonker. Originalquelle unbekannt.

Sender Freies Indien („Azad Hind“) 1944 zu Gast bei Thea von Harbou („Metropolis“). Sitzend von rechts: Lili Faroqi, A. C. Narayanan Nambiar (nach dem Kriege indischer Botschafter in Deutschland), Thea von Harbou; stehend rechts: Abdul Qudus Faroqi (Arzt, Vater der Orientalistin Suraiya Faroqhi und des Regisseurs Harun Farocki). Bei den übrigen Indern auf dem Bild handelt es sich etwa zur Hälfte um ehemalige Studenten, die für das Auswärtige Amt oder für das Propaganda-Ministerium arbeiteten; unter ihnen KÖNNTE sich Manzooruddin Ahmad befinden. – Bild: Archiv Gerdien Jonker. Originalquelle unbekannt.

Fest steht, daß H. Manzooruddin Ahmad, wie er seinen Namen auf Buchtiteln und über Aufsätzen abkürzte (auch „Mansúruddin“ und „Mansouruddin“ kamen als Varianten des Vornamens vor), beste Beziehungen in allerhöchste Kreise der nationalen Sozialisten hatte. So war er erster stellvertretender Vorsitzender im Gründungskomitee des von Joseph Goebbels initiierten Islamischen Zentralinstitut (IZI) Deutschlands. Bei der feierlichen Eröffnung am 18. Dezember 1942 zeigte der Großmufti von Jerusalem seinen Freunden und Förderern, einschließlich des dabei anwesenden Ahmad, was eine ordentliche islamische Haß- und Hetzpredigt ist:

Es ist jedem Muslim zur Genüge bekannt, wie die Juden ihm und seinem Glauben seit den ersten Tagen des jungen Islam zugesetzt haben, und welche Gehässigkeit sie dem größten Propheten bezeigten, wieviel Mühsal und Kummer sie ihm bereiteten, wieviele Intrigen sie anzettelten, wieviele Verschwörungen sie gegen ihn zustande brachten, daß der Koran das Urteil über sie fällte, sie seien die unversöhnlichsten Feinde der Muslime, indem Gottes Wort betont: „Die gehässigsten Feinde derer, die den Glauben angenommen, sind die Juden“. Der heilige Koran und die Lebensgeschichte des Propheten sind voll von Belegen jüdischer Charakterlosigkeit und für ihr tückisches, lügnerisches und betrügerisches Verhalten […] (Gerhard Höpp [Hg.]: Mufti-Papiere. Briefe, Memoranden, Reden und Aufrufe Amīn al-Ḥusainīs aus dem Exil, 1940-1945. Berlin: Klaus Schwarz 2004, 124. Online hier)

Amin al-Husseini bei seiner Ansprache vor nationalsozialistischen und mohammedanischen Judenhassern am 18. Dezember 1942. Abbildung aus Ahmads Biographie; das Bild hat Ahmad selbst aufgenommen.

Ahmad muß ein vielseitig begabter Mensch gewesen sein. Seine Bücher waren unterhaltsam, ja spannend und vor allem kenntnisreich geschrieben und mit Anekdoten gespickt. Seine beiden voneinander unabhängigen Indien-Bücher stechen dabei inhaltlich und stilistisch hervor. Sie sind heute noch informativ und höchst lesenswert, wenn man sich des Hintergrunds bewußt ist, vor dem sie geschrieben wurden. Zeitgemäß bemühte sich Ahmad selbstverständlich nicht um faire Berichterstattung im Sinne eines kritischen Journalismus, wie er zum Beispiel in der alten Bundesrepublik bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts einmal verbreitet war, aber dennoch ermöglichte er erstaunlich informative, hervorragend geschriebene Einblicke in Länder, deren Besuch den meisten Deutschen zu dieser Zeit verschlossen war.

Über sein 1937 erschienenes Buch Geheimnisvolles Indien? – er widmete es einem Bruder namens Salimuddin – hieß es in einer Rezension im Simplicissimus:

Das, was einem Europäer nie gelungen ist und nie gelingen wird, schildert der Verfasser, ein Inder, der als solcher Indien erlebt, wie ein Fremder es nie erleben kann. Das eigentliche Wesen des uralten Kulturvolkes in seinem ganzen Farbenreichtum wird hier lebendig. Das Buch kann als neue, grundlegende Schilderung über jenes Land gelten, das sich dem Fremden stets unter tausend Rätseln und Geheimnissen zu verbergen sucht. Es erklärt die Strenge des Kastenwesens aus dem religiösen Empfinden heraus und erläutert, wie überhaupt die tiefe Religiosität des indischen Volkes für vieles erst eine Deutungsmöglichkeit gibt, das ohne dieses Wissen unerklärlich erscheinen muß. Die krassen Gegensätze zwischen Glanz und Elend werden lebendig und verständlich auch in dem Lichte der Kenntnis der indischen Volksseele: ein Buch das kaum eine Frage über dieses Land offen läßt. (Z.)

Oberbannführer S[iegfried] Zantke, der nach dem Kriege neben Wolf Schenke ein Mitgründer und führender Kopf der national-neutralistischen Organisation Die dritte Front wurde, lobte in einer ausführlichen Besprechung ähnliche Teile des Buchs, wies aber auch auf die politischen hin:

Sachlich werden die britischen Propagandalügen entkräftigt. Z. B. wird an Hand der Sprachenstatistik die von London immer wieder vertretene These zerpflückt, daß erst durch das Band der englischen Sprache eine Verständigung zwischen Indern aller Landesteile möglich geworden sei (also der britischen Sprache eine ähnliche Rolle zugesprochen wird, wie sie die deutsche z. B. bei den Panslawisitschen Kongressen gespielt hat). Ohne Beschönigung wird das Elend des Volkes und das Mißverhältnis zwischen Volk und politischen Führern beispielsweise in den Fürstenstaaten aufgezeigt, trotzdem aber dort, wo sie vorhanden ist, die Leistung der Fürsten durchaus anerkannt. Eine klare und einleuchtende Behandlung findet die Frage der Kasten, und gerade hierbei wird die innige Verwobenheit indischen Lebens mit der Religion aufgezeichnet und dem Leser klar gemacht, daß keine soziale Revolution denkbar ist ohne vorherige Aufgabe der Religion und aus dem Grunde gerade die Lösung dieser Zentralfrage des indischen politischen Lebens auf unerhörte Schwierigkeiten stößt. […] Das geschriebene Wort wird von zahlreichen typischen Bildern begleitet und unterstrichen. Somit gehört das vorliegende Werk zweifellos mit zu den besten indischen [sic] Büchern in deutscher Sprache […] – „Indien“ – Nationalsozialistische Monatshefte, 13 Jahrgang, Heft 145 (April 1942; Themenheft „Japan kämpft für Großasien“). München: Zentralverlag der NSDAP., Franz Eher Nachf., 257 f.

In der gleichen Rubrik „Buch“ dieses NS-Monatshefts bespricht Zantke auch das Buch Indien im Aufruhr, ein von Hans Kurzeja übersetztes, gegen England gerichtetes Manuskript eines nicht namentlich genannten „indischen Nationalisten“. Ob Ahmad an solchen Propagandaschriften beteiligt war, könnte man vermuten, es gibt dafür aber keine Belege.

Schon während der Weimarer Republik hatte Ahmad deutsch geschriebene Artikel veröffentlicht, seine frühesten von mir gefundenen Beiträge erschienen ab 1930 in der im Hugo Bermüller Verlag, Berlin-Lichterfelde, erscheinenden Zeitschrift Der Erdball. Sie trugen Titel wie „Bilder aus Indien“, „Im Lande der Königssöhne“, oder „Kastenjoch in Indien“.

Artikel von Ahmad in „Der Erdball“, 1931.

„Der Erdball“, 1931.

Offener religiöser und ethnischer Parteinahme enthielt er sich meistens, wenn auch in oder zwischen manchen Zeilen seiner Abhandlungen und Bücher deutlich wird, daß er seine eigene totalitäre Weltanschauung nach Mohammed auf Augenhöhe mit den Ideologien nationaler oder internationaler Sozialisten und Faschisten nach Hitler, Lenin oder Mussolini sah. Ebenso ist erkennbar, daß aus seiner Sicht in Indien selbstverständlich zuerst der Mohammedanismus, weniger der etwa anhand des Kastenwesen nicht unbegründet von ihm als rückständig geschilderte Hinduismus, einen gangbaren Pfad zu einem modernen Staat aufzeigen würde. – Für letzteres ist heute allerdings die traurige Existenz der sich als Staat maskierenden, bildungsfernen Jauchegrube Pakistan der leider schwer widerlegbare evolutionäre Gegenbeweis.

Manzooruddin Ahmad schaffte es schon in seinen frühesten Artikeln mühelos und wie nebenbei, zum Beispiel die Auswirkungen des jahrhundertelang in Indien geführten Dschihads der Mohammedaner gegen die nach islamischer Doktrin lebensunwerten Kuffar zu beschönigen und sogar umzudeuten. Dazu ein Beispiel:

In Groß-, Hinter- und Inselindien fielen nach konservativen Schätzungen unter anderem mindestens zehn Millionen Buddhisten und achzig Millionen Hindus dem Dschihad zum Opfer. Ein im Kampf unterlegener Kafir bekam hier seltener die Chance, wie einige Christen oder Juden in anderen Eroberungsgebieten (Bagdad, Jerusalem, Ägypten, Tunis, Andalusien, Konstantinopel…), wenigstens als Dhimmi zu überleben, solange er der selbsternannten Krone der Menschheit als Sklave nützlich erschien und sein Schutzgeld bezahlte. Junge Mädchen allgemein und Frauen der oberen Schichten im besonderen erwartete nach erfolgreichen Raub- und Eroberungszügen der Dschihadisten in Indien regelmäßig die Erniedrigung als lebenslange Sex- oder Arbeitssklavinnen, falls sie die eingefallenen Barbarenhorden überhaupt überlebt hatten. Deswegen nahmen sich hunderttausende indische Frauen lieber freiwillig das Leben, als sich den „Rechtgläubigen“ auszuliefern, wie zum Beispiel mindestens vierundzwanzigtausend Frauen alleine in der Stadt Chittor:

Es war der Ort von drei großen Belagerungen (1303, 1535 und 1567–1568) von muslimischen Eindringlingen. Ihre Hindu-Herrscher kämpften heftig darum, ihre Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. Bei drohenden Niederlagen kämpften die Männer mehr als einmal bis zum Tode, während die Frauen durch Massenverbrennung Selbstmord begingen. (Wikipedia)

Ahmad geht über die im Namen des Haßpredigers und Kriegsherrn Mohammed verübte Grausamkeit, das Blut, die Tränen und die Ursache für das Todesgeschrei in dieser Stadt, die er als sehenswert für Besucher beschreibt, souverän hinweg, obwohl natürlich gerade ihm eigentlich genau bekannt gewesen sein müßte, daß man diese Form des Massen-Suizids von Frauen in Indien ausschließlich von den Verteidigungskriegen gegen die Mohammedanerhorden, nicht jedoch von anderen Kriegsereignissen kennt. Ahmad verkehrt die historisch belegten Gründe für den Tod zehntausender Frauen und Mädchen selbstbewußt in ihr Gegenteil, und macht sogar noch eine „heitere“ Herrenrunden-Pointe daraus:

Chittor ist […] stolz darauf, daß nie eine Frau des königlichen Hauses mit einem muslimischen Kaiser [sic] die Ehe einging, und daß sich ihre Vorfahren erst nach erbitterten Kämpfen den muslimischen Kaisern beugten […]. Das Leben in den Straßen […] erinnert lebhaft an das indische Mittelalter. […] Der 80 Fuß hohe Dschainaturm wurde im 9. Jahrhundert von dem Maharana Sri Allat erbaut, der ihn dem ersten Dschaina-Heiligen Adnath widmete, und ist […] das einzige erhaltene von ähnlichen Denkmälern damaliger Zeit. […] In einer Höhle ruht hier auch die Asche von 24 000 Frauen Chittors, die von ihren eigenen Männern verbrannt wurden, als der Kaiser Alauddin 1303 die Stadt belagerte. Diese grausame Handlungsweise, Jauhar genannt, wurde von den Radschputen geübt, um die Frauen nicht in die Hände der Feinde fallen zu lassen; erst dann zogen sie gegen den die Stadt belagernden Feind. Siegten sie dann doch, so verschönerten eben fernerhin andere Frauen ihr Leben. (H. Manzooruddin Ahmad: „Im Lande der Königssöhne.“ – Der Erdball. Jahrgang IV, Heft 4. Berlin-Lichterfelde: Bermüller 1930, 138 f.)

Geheimnisvolles Indien? Links die deutsche, rechts die tschechische Ausgabe.

Geheimnisvolles Indien? (1937)

Auch seinem 1937 erschienenen Geheimnisvolles Indien? merkt man selbstverständlich Ahmads Agenda an. Die erste Auflage eröffnet mit einem eindrucksvollen Bild „Mohammedaner beim Freitagsgebet in der Dschame-Moschee zu Delhi“ (siehe unten), gegen das die gleichzeitig in Deutschland verbreiteten Propagandabilder von den Menschenmassen auf den Nürnberger Reichsparteitagen geradezu unterbesetzt wirken. Die nächsten drei Bilder aus dem mehrheitlich hinduistischen Bombay zeigen dagegen (diese Bildfolge nur in der ersten Auflage!) Verfall, Armut, Schmutz und wiederkäuende Kühe auf einem zentralen städtischen Platz neben Straßenbahnschienen. Doch das Buch bietet sehr viel mehr als solche Stellen. Für mich zählen beide Indien-Bücher von Ahmad zu den lehrreichsten, die ich über dieses Land kenne. In den Sachschilderungen und Anekdoten zeigt sich der – allerdings erwartete – intime Kenner, und viele seiner Bildmotive hätte ein ausländischer Besucher, wenn überhaupt, nur schwer finden und festhalten können.

Hier zählt der Einzelne nichts. Und Frauen sind an den heiligen Stätten des Mohammedanismus nur hinter Absperrungen und in Stoffgefängnissen geduldet. (Abbildung aus Ahmads Buch.)

Einzelne zählen nicht.

Im Kapitel „Die Frau in Indien“ geht Ahmad mit Bezug auf die verbreitete Abschirmung von Frauen zwar wiederum nicht auf die tatsächlichen Ursachen ein: Erstens die Islamisierung nach dem Einfall der Dschihadisten, die unverhüllte Frauen in der Öffentlichkeit als Freiwild betrachteten. Zweitens gewisse viktorianische Einflüsse, deren Folgen noch heute in ganz Asien bemerkbar sind. (Viele der gerne von asiatischen Diktatoren und elitären Pseudo-Demokraten wie von dem malaysischen Führer Mohamad Mahathir vorgeschobenen sogenannten „Asiatischen Werte“ sind in Wirklichkeit viktorianische Werte, wie man etwa unter dem Stichwort „Realitätsmythen“ bei Rüdiger Korff nachlesen kann). Dennoch liest sich Ahmad sachlich und nüchtern, wenn er schreibt:

Viel seltener als man in Europa annimmt, hat ein Mann mehr als eine Frau; hauptsächlich Fürsten und reiche Leute leisten sich diesen Luxus. Ein Inder des Mittelstandes, oder der minderbemittelten Volksschichten, nimmt gewöhnlich eine zweite Frau nur, wenn ihm die erste keinen Sohn schenkte. […] Während ihre Hinduschwester des Mittelstandes und der reicheren Bevölkerung meistens doch einmal am Tage das Haus verläßt, lebt die Mohammedanerin vom Mittelstand ab fast ganz zurückgezogen im Sanana. Die Mädchen erhalten in allen hauswirtschaftlichen Dingen eine gründliche Ausbildung durch ihre Mutter. Denn wenn auch ein Haushalt des Mittelstandes sich vielleicht Bedienung halten kann, so muß trotzdem die Hausfrau tüchtig zugreifen. […]
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[Man darf] nicht vergessen, daß das Pardahsystem niemals über ganz Indien und nur im Mittelstand und in den höheren Kreisen verbreitet war und ist. Abgeschlossen lebende Frauen trifft man hauptsächlich im Norden des Landes an, in den anderen Gegenden nur bei den Mohammedanern. […] so bleiben allerhöchstens zehn von hundert Inderinnen, die selten das Haus verlassen. Von diesen könnte aber höchstens eine Mangel an Licht und Luft erleiden […], wegen der Bauart der indischen Häuser, die alle einen offenen Innenhof haben […].
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[…] Wenn es auch Familien in Indien gibt, in denen die Frauen streng abgeschlossen […] leben, aber dennoch über eine gute Bildung verfügen und regen Anteil an allen Vorgängen des öffentlichen Lebens nehmen, so können doch auch sie ihren Gatten und Kindern nicht in […] Angelegenheiten der Außenwelt zur Seite stehen. Ich spreche daher auch keineswegs für das Pardahsystem, zumal genug Bestrebungen am Werk sind, es nach und nach auch in Indien abzuschaffen.
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Bedauernswert liegen die Verhältnisse für viele Witwen, weil man in […] ihrer Witwenschaft schwere Verfehlungen in einem früheren Dasein erblickt. Darum setzt sich die indische Frauenbewegung, die auch die Erlangung des Scheidungsrechts und die Gleichberechtigung im Erbrecht der Frau, den Zwangsunterricht [sic] für Mädchen sowie die Abschaffung der Polygamie, Pardah, der Sitte der hohen Mitgift, Verschwendung bei Familienfesten und des Devadasi-Wesens auf ihre Fahne geschrieben hat, zuerst für die Witwen ein. Sie ist bestrebt, die Witwen auszubilden, ihnen eine Arbeitsmöglichkeit zu verschaffen, sie wirtschaftlich unabhängig zu machen und ihnen die Wiederheirat zu ermöglichen.
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Die Erfolge dieser Bewegung sind schon überall deutlich. Tausende von Schulen für Mädchen […]

(Geheimnisvolles Indien? 1. Auflage. Berlin 1937, 143 ff. – in den weiteren Auflagen 139 ff.)

Ahmad veröffentlichte nicht nur locker und „zeitgemäß“ geschriebene Bücher und Aufsätze, sondern er photographierte auch hervorragend.

"Geheimnisvolles Indien" wurde nicht zuletzt aufgrund der bemerkenswerten Bilder des Autors zu einem Bestseller der 1930er Jahre.

„Geheimnisvolles Indien“ wurde nicht zuletzt aufgrund der bemerkenswerten Bilder des Autors zu einem Bestseller der späten 1930er Jahre.

Die Bilder, mit denen er seine auch in dieser Hinsicht hervorstechenden Indien-Bücher ausgestattet hat, trugen zu deren Erfolg gewiß bei. „Geheimnisvolles Indien?“ zum Beispiel enthielt fast hundert Illustrationen, von denen der Autor neunzig Bilder auf Reisen durch seine Heimat mit einer Contax Kamera selbst angefertigt hatte. Selbst das Oberkommando der Wehrmacht verwendete in der imperialistischen „Tornisterschrift Indien“ von 1942 Bilder von ihm. Sein eingängiger und erfolgreicher Buchtitel „Indien ohne Wunder“ wurde nach dem zweiten Weltkrieg mehrfach plagiiert, zum Beispiel schon 1948 von Olga Tschetschetkina und 1960 von Peter Schmid.

Anders als man vielleicht annehmen möchte, ist das 1942 erschienene Indien ohne Wunder alles andere als eine überarbeitete Neuauflage seines fünf Jahre zuvor gedruckten ersten Indien-Buches. Im Gegenteil hat Ahmad es von vorne bis hinten völlig neu und aus anderer Perspektive geschrieben. Während man Geheimnisvolles Indien? als eine Zusammenfassung und Erweiterung seiner Aufsätze – vielleicht auch von Vorträgen und wissenschaftlichen Arbeiten –, erkennt, belehrt Indien ohne Wunder den Leser mittels eingeschobener Rahmenhandlungen mit konkreten Menschen, Straßen, Orten und Landschaften auf völlig andere, fast romanhafte Art.

In seiner Einleitung schreibt Ahmad:

Niemand soll annehmen, daß sich die Vorgänge und Ereignisse, die ich schildere, gerade bei diesen Menschen und an diesem Ort zugetragen haben. Sie sind deshalb nicht weniger wahr. Ich möchte meine Leser davon überzeugen, daß sie sich bei jedem indischen Menschen und an jedem Ort Indiens zutragen.

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Aus diesem Grunde habe ich darauf verzichtet, irgendeine Tatsache zu erfinden. Ich erzähle nur, was ich hundert- oder tausendmal gesehen oder erlebt habe und was ich jeden Tag wieder sehen und erleben könnte, und mache nur mir und dem Leser die Arbeit etwas leichter, indem ich von einem namentlich bestimmten Menschen, von einer bestimmten Familie, von einer Stadt oder einem der fünfhunderttausend indischen Dörfer spreche.

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Was ich schreibe, ist kein Roman. Es ist ein Querschnitt durch die Welt, in der ich gelebt, die ich auf meiner letzten Reise nach Indien im Jahre 1938 nochmals gesehen und erlebt habe.

(Indien ohne Wunder, 7 f.)

Hafiz Manzooruddin Ahmads Thailand-Buch ist, gute Erhaltung vorausgesetzt, heute immer noch begehrt.

Ein gesuchtes Buch

Sein Buch Thailand. Land der Freien von Ende 1942 (datiert 1943), das sogar kurz vor Kriegsende mit der Jahresangabe 1945 nochmals aufgelegt wurde, kommt nicht an die Intensität und Nähe seiner beiden Indien-Werke heran. Offenbar hat Ahmad dieses Land nie selbst bereist, die beigegebenen Bilder waren nicht die seinen. Dennoch – oder gerade deshalb? – bejubelte er die offiziell in Thais umbenannten Siamesen geradezu als „Herrenvolk“, was schon deshalb zeitgemäß war, weil Thailands Diktator Phibun damals in der Tat fast alles nur Erdenkliche tat, um mit den von ihm bewunderten europäischen faschistischen und nationalsozialistischen Führern, vor allem mit Mussolini und Hitler, auf Augenhöhe zu sein. Eigens zu diesem Zweck hatte Phibun, in dessen Amtszimmer eine Mussolini-Büste von Corrado Feroci alias Sin Phirasi stand und dessen Jugendorganisationen beste Beziehungen zur Hitlerjugend pflegten, zum Beispiel „Heil“ (= „Sawatdi“, wie in สวัสดีพิบูล „Sawatdi Phibun“, dem thaiIändischen „HeiI HitIer) als neuen Gruß, und „Chaiyo!“ (ไชโย) als zeitgemäßes „Hurra!“ nach europäischen Vorbild eingeführt. Beide Schöpfungen nach dem Willen des keineswegs unbeliebten Diktators, der von einem „Groß-Thailand“ mit Laos, Teilen Birmas und Kambodschas träumte, sind noch heute in dem Land die Norm. Ahmads Thailand-Buch liest sich aus heutiger Sicht stellenweise ziemlich verquast, obwohl der verbreitete Chauvinismus der Oberschicht in ganz Hinterindien (nicht nur in Thailand) und ihre unbestreitbare Geringschätzung vieler anderer Rassen und Völker – einschließlich derer im eigenen Land –, damals wie heute nicht von der Hand zu weisen ist:

Die Thai erscheinen […] als ein Herrenvolk. Die Eigenschaften des Herrenvolkes befähigen sie, die Führung anderer, geringerer Völker zu übernehmen und sie zu Staatsvölkern umzuschmelzen. […] In jahrhundertelangen, wechselvollen Kämpfen behauptet sich das von den Thai geführte und geformte Volkstum immer wieder gegen seine mächtigen Rivalen im Osten und Westen […] Entwicklungen, die im 17. Jahrhundert angebahnt wurden, setzen sich heute mit überraschender Schnelligkeit durch. Noch ist Thailand ein Objekt dieser Entwicklungen, aber alle Voraussetzungen liegen vor, dass es aus seiner Enge wieder hervortritt und die Aufgaben übernimmt, die Japan auf die Dauer in diesem Teile Asiens nicht übernehmen kann.

(„Das Geheimnis der Enge“ – Thailand. Land der Freien, 257 – Hier sind noch weitere Auszüge in diesem Stil nachzulesen.)

Mit Bildern von Ahmad.

Mit Bildern von Ahmad.

Ob und inwiefern an solchen heute hanebüchen wirkenden Textteilen ein deutscher muttersprachlicher Mitautor oder Korrekturleser – vielleicht gar die deutsche Ehefrau? – beteiligt war, könnte nur vermutet werden. Das Buch enthält allerdings auch Kapitel nach Quellen, die man in deutscher Sprache nirgendwo sonst findet, wie zum Beispiel einen ganzen Abschnitt über die Thai-Geschichte des frühen 17. Jahrhunderts, die Ahmad anhand der Abenteuer eines geheimnisvollen John Smith in Malaya 1600–1605 abwickelte („Das verlorene Paradies.“ – Thailand. Land der Freien, 43–61. – Über A. Hale, den fast vergessenen, aber bemerkenswerten Urheber dieser Quelle schreibe ich demnächst an anderer Stelle). Dagegen erwähnte Ahmad erstaunlicherweise mit keinem Wort das 1939 im gleichen Verlag erschienene, kurz vor dem Druck von Ahmads Werk erneut aufgelegte und weit verbreitete Buch Thailand. Das neue Siam. von Wilhelm Friedrich Gordon (dies soll laut Deutscher Bibliothek das Pseudonym eines gewissen Wilhelm R. F. Kiewitt gewesen sein, was ich bezweifle, da man über diesen Namen auch nichts weiß). In ihren politischen Beschreibungen und Zielen zumindest sind beide Arbeiten vereint. Dennoch kommt Gordons Werk nicht einmal in Ahmads allgemeinen Literaturhinweisen „Aus dem Schrifttum“ vor.

In seinem 1940 veröffentlichten Buch über die Turk- und andere Völker in Zentralasien, dem oben bereits erwähnten Kampf um leere Räume, schlägt Ahmad einen weiten Bogen vom Ringen der „Hunnen und Burgunder“ am Rhein, über Dschingis Khan bis zu dem als heroisch geschilderten Kampf der Mohammedaner in Asiens Steppen und Kältewüsten gegen Briten, Chinesen und Russen, welche damals gerade passend die Kriegsgegner des nationalsozialistischen Reichs und seiner Verbündeten waren. Als einziges seiner mir bekannten Bücher und Aufsätze ist es, von Kartenskizzen abgesehen, nicht bebildert. Dennoch liest es sich spannend wie aus der persönlichen Erfehrung heraus geschrieben. Auch an kurzweilig zu lesenden Episoden und Pointen mangelt es nicht, etwa wenn Ahmad den einen oder anderen Führer rückständiger Kuffar im Dār al-Harb beschreibt:

Bis 1906 weilte der flüchtige Dalai Lama in Urga bei seinem hohen geistlichen Bruder, dem Chutuktu der Mongolei. Der damalige Chutuktu war ein lustiges Huhn und wußte Frauen und Wein ebenso zu schätzen wie der unglückliche sechste Dalai Lama. Die unkirchliche Freude an irdischen Dingen hinderte ihn keineswegs, sich als quicklebendige Verkörperung Buddhas zu fühlen und auf seine Würde zu pochen. (Kampf um leere Räume, 119)

„How to“: Umgang mit Indern.

„How to“: Umgang mit Indern.

Ahmads wohl letzte im Deutschen Reich unter seinem eigenen Namen veröffentlichte Arbeit scheint die Broschüre „Inder“ gewesen zu sein, die 1943 in der Reihe „Umgang mit Völkern“ bei Luken & Luken in Berlin erschienen ist. Darin wendet er sich mit einem nur auf den ersten Blick verblüffenden Argument ganz im Stile heutiger Islam-Apologeten gegen die damals durchaus bereits begründete Ansicht von Wissenschaftlern, daß der Hinduismus erst unter dem Druck des kriegerischen Mohammedanismus sowie des ebenso expansiven Christentums auch weniger tolerante Züge angenommen habe, bzw. daß der an sich tolerante, nicht expansive Hinduismus (wie auch der Buddhismus und der Jainismus) geradezu im Gegensatz zur Kriegslehre des Mohammed stehe. Ahmad zitiert dazu zunächst den bedeutenden deutschen Indologen Helmuth von Glasenapp:

Die Idee der Toleranz ist bei den Hindus zu allen Zeiten so stark entwickelt gewesen, daß wir bei ihnen nur vereinzelt Glaubenskriege und Ketzerverfolgungen finden. Erst das Eindringen dogmatischer Religionen, wie des Islams und der Glaubenslehre des Westens, hat durch den Druck, den heilige Kriege und Inquisitionsgerichte mit sich brachten, bei den Hindus einen Gegendruck erzeugt, der ihre Mentalität so weit wandelte, daß sie auch mit weltlichen Waffen gegen Religionen stritten, die sie sonst nur mit geistigen bekämpft hatten. („Inder“, 4.)

Ahmad hält mit einem lupenreinen Beispiel für Taqiyya dagegen:

[Dazu] bemerke ich, daß die Intoleranz des Islams, an die […] Glasenapp denkt, von durchaus zuständiger Seite bestritten und in ihr Gegenteil verkehrt wird. Der Islam ist nach dieser, in den Tatsachen wohlbegründeten Auffassung nicht die Religion, die mit „Feuer und Schwert“ ausgebreitet werden soll, sondern vielmehr die erste Weltreligion, die den Angehörigen anderen Glaubens einen gesicherten und anerkannten Platz zuwies. („Inder“, 5.)

Nach dem Kriege führt Ahmads Spur nach Wünsdorf, das bereits im Ersten Weltkrieg das größte deutsche Militärlager gewesen war. Damals benutzten die Alliierten den Ort, um ausländische Sympathisanten der Nationalsozialisten zu internieren. Auf der gezielten Suche nach Arabern und Indern – also Angehörigen des damals noch bestehenden britischen Weltreichs –, die mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet hatten, hatten die Engländer schon in Frühjahr 1945 einen Voraustrupp geschickt. Der Großmufti war da schon in der sicheren Schweiz, aber aus Ahmads Umfeld wurden sie zum Beispiel des Journalisten Habibur Rahman habhaft, der zuletzt den Vorsitz des Islamischen Zentralinstituts (IZI) inne hatte; bei seiner Verhaftung könnte das seitdem verschollene Archiv dieses Judenhasser-Vereins von Goebbels Gnaden beschlagnahmt worden sein.

Habibur Rahman wurde 1946 zusammen mit Bose im Roten Fort in Delhi der Prozess gemacht. Ahmad stand in Wünsdorf dagegen wahrscheinlich unter russischer Aufsicht und war damit dem englischen Zugriff entzogen. Er könnte nach Rußland gekommen oder geflüchtet sein. Andere in seiner Situation tauchten irgendwann im Lager bei München auf, wo sich ziemlich schnell nach dem Krieg eine neue Gemeinschaft von Mohammedanern bildete. (Quelle: G. Jonker, N. Nowar, S. Müßig: „Die vergessene Geschichte des Islam in Bayern.“ – Akademie Aktuell. Zeitschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Nr. 2 (Februar). München 2018, 18–23, Online hier.)

Ende Juli 2019 erhielt ich aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv [nur] ein Dokument aus der Akte Rep. 401 RdB Pdm Nr. 14635, das eine Überraschung enthielt: Hafiz Manzooruddin Ahmad hat möglicherweise noch länger in Berlin (West) gewohnt, als man bisher annehmen konnte: „Mit sozialistschem Gruß“ informiert ein Abteilungsleiter Werling vom Berliner Amt für den Rechtschutz des Vermögens der Deutschen Demokratischen Republik Abteilung III (Hermann Matern Straße 56) den „werten Genossen Fischer“ vom Rat des Kreises Königs Wüsterhausen über ein Grundstück in Motzen, Lindenallee 50, am 16. Mai 1988 wie folgt:

Im Jahre 2001, also dreizehn Jahre später, wurde Manzooruddin Ahmad allerdings vom Landkreis Teltow-Fläming abermals gesucht; vermutlich hatte man ihn schon 1988 in Berlin nicht gefunden:

Amtsblatt des Landkreises Teltow-Fläming (Luckenwalde), 9. Jahrgang Nr. 3 (17. Januar 2001).

Amtsblatt des Landkreises Teltow-Fläming (Luckenwalde), 9. Jahrgang Nr. 3 (17. Januar 2001).

Wollte man noch weiter recherchieren (ich habe dazu in den kommenden Monaten leider keine Zeit), müßte man sich wegen Unterlagen des Einwohnermeldeamtes wohl an das Landesarchiv Berlin (Eichborndamm 115 – 121) wenden.

Aus den dortigen Akten könnten sich Hinweise auf die Geburts und Heiratsdaten von Ahmad ergeben. Noch weiterführend wären Standesamtsunterlagen. Möglicherweise sind im Landesarchiv Berlin auch Unterlagen des Staatlichen Notariates Berlin überliefert, das den Erbschein ausgestellt hat.

Da es sich bei dem fraglichen Grundstück um ausländisches Vermögen gehandelt hatte, mußte das Amt für den Rechtsschutz des Vermögens der DDR involviert gewesen sein. Dessen Unterlagen befinden sich heute beim Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen, https://www.badv.bund.de/DE/Home/home_node.html.

Das Grundstück in Motzen befand sich zu DDR-Zeiten im Kreis Königs Wusterhausen und wurde verwaltet durch den VEB Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) Königs Wusterhausen. Deshalb kämen zur Grundstücksangelegenheit auch noch eine Nachfrage bei der Stadt Königs Wusterhausen und dem Kreisarchiv des Landkreises Dahme-Spreewald, Nonnengasse 3, 15926 Luckau in Frage (im Kreisarchiv befinden sich gewiß die Unterlagen des früheren Rates des Kreises Königs Wusterhausen).

Bei den Grundstücksrecherchen sind nicht unbedingt direkte Hinweise auf persönliche Angaben zu erwarten, aber es könnten sich daraus weiterführende Hinweise ergeben.

Soweit der aktualisierte Stand der Recherche am 24. Juli 2019. Das Thema insgesamt aufzurollen wäre eigentlich etwas für einen jungen, fähigen Doktoranten in Geschichte, finde ich. Freiwillige vor, meine hier benutzten bisherigen Dokumente stelle ich gerne zur Verfügung.

Alle bekannten Bücher von Ahmad:

1 Geheimnisvolles Indien? Indien von einem Inder gesehen. Berlin: Deutsche Verlagsgesellschaft 1937.
Tajemná Indie? Indie, jak ji vidí Ind. [přeložila Věra Pössnerová]. Praha: Evropský literární klub 1941 (Tschechisch: Geheimnisvolles Indien)
2 Kampf um leere Räume. Turan Turkestan Tibet. Leipzig: Wilhelm Goldmann 1940.
3 Indien ohne Wunder. Leipzig: Wilhelm Goldmann 1942.
Indisk vardag. En bok om mitt hemland. Malmö: Dagens Böker 1943 (Schwedisch: Indien ohne Wunder).
India senza miracoli. Roma: Ed. Mediterranea 1943 (Italienisch: Indien ohne Wunder).
4 Thailand. Land der Freien. Leipzig: Wilhelm Goldmann 1943 [recte 1942].
5 Kurt Fischer-Weth (Pseud.): Amin al-Husseini. Großmufti von Palästina. Berlin-Friedenau: Walter Titz 1943.
6 Inder [Umgang mit Völkern 5]. Berlin: Luken & Luken, 1943. (Unbebilderte, vierzigseitige Broschüre, sie wurde nach dem Kriege von Clarissa Leifer für den gleichen Verlag neu geschrieben.)

(Herzlichen Dank an Dr. Gerdien Jonker für Einblicke in Dokumente und Hinweise auf Quellen.)

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