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Hans Michael Hensel

Offizier und Gentleman (6)

Wolf Justin Hartmann im Zweiten Weltkrieg 1939–1945

Wolf Justin Hartmann mit seiner Mutter Maria Hartmann („Mariechen“) um 1941 bei einem Urlaub von der Front in München

Mit seiner Mutter

Wolf Justin Hartmann, ein begeisterter und passionierter Reiter und bereits in seiner Jugend sportlich trainiert, hält sich nach den 1920er Jahren, in denen er unter anderem einige Jahre in Südamerika lebte, weiterhin in Form. Er absolviert die Bedingungen für das Reichssportabzeichen und erfüllte, obwohl er kein Angehöriger einer Parteiorganisation war, auch die Bedingungen des SA-Sportabzeichens.

Möglicherweise nimmt er ab 1935, in der die starke Heeresvermehrung begann, innerhalb der neugeschaffenen Wehrmacht an einer oder mehrerer Reserveübungen teil. Darüber gibt es aber keinerlei Nachrichten. Wahrscheinlich hatte er dazu aber weder die Zeit noch das Bedürfnis.

Wolf Justin Hartmann gab diesen 1939 im R. Oldenbourg-Verlag erschienenen bibliophilen Gedichtband heraus.1939, als das Deutschland Hitlers seinem Zenit entgegen strebte, von dem es binnen weniger Jahre, nach entsetzlichen Verlusten seiner Bevölkerung und die anderer Nationen, zurückgeschmettert werden sollte, fast in die Zeit des Mittelalters, ist er der Herausgeber einer kleinen, aber aufwendig edierten Anthologie mit Gedichten von 37 Dichtern aus europäischen Ländern, die im Ersten Weltkrieg fielen.

Er selbst wollte dieser Sammlung den Titel „Leier und Schwert Europas“ geben, doch dann wählten er oder der Verlag den Titel: „Sie alle fielen“

Am Schluss seines Vorwortes lesen wir Mahnendes, ja fast Beschwörendes:

Seher und Sänger, Künder und Deuter sind sie.

 

Ein europäischer Chor, der nun seine Stimme erhebt, nach Jahr und Tag, in einem schmalen Buch. Ein Chor der Mahnung und der Beschwörung. Für alle, die in den europäischen Völkern mehr Menschlichkeit, mehr Göttliches erkennen und ehren wollen, als lediglich bereite, gerüstete Mächte zur gegenseitigen Zerstörung und Vernichtung.

 

Ich habe diesem Chor zu dienen versucht, so gut ich es vermochte. Möge er für die Jugend unseres Volkes, insbesondere für jede Jugend der europäischen Zukunft, möge er für die Mütter und für jene, die ihn aus den Jahren des Krieges im Herzen verstehen können, nicht ohne Vorbild, ohne Gelöbnis, ohne Widerhall bleiben.

 

München, am Jahreswechsel 38/39

 

In einer jener Nächte, in denen wir Deutsche unverzagt an das Lichte, auch an das Lichte in Europa glauben.

Jemand wie Wolf Justin Hartmann, der vier Jahre lang das Sterben junger, lebensfroher Männer miterlebt hat, wusste um die Stärke des europäischen Gedankens und hoffte auf die Kraft seiner Worte. Sie blieben ungehört!

Am 1. September 1939 begann, mit dem Feldzug gegen Polen, der Zweite Weltkrieg.

Der erste offizielle Hinweis auf Hartmanns Tätigkeit als Soldat im zweiten Weltkrieg ist eine Beförderungsnotiz des Wehrkreises VII (München), genauer gesagt, die vom Wehrbezirkskommando München II.

Danach ist Dr. Hartmann, Wolfgang, Offizier im Lehrregiment z.b.V. 800 in Brandenburg an der Havel, am 20. November 1940 zum Oberleutnant z.V. befördert worden. [Z.V.- Offiziere waren alle, die, im Ersten Weltkrieg, einen Dienstgrad als Reserveoffizier erhalten und sich, bei Beginn des Zweiten Weltkrieges, wieder „zur Verfügung“ gestellt hatten].

Hartmann war im Herbst 1939 in die Wehrmacht eingetreten und in den ersten Wochen des Jahres 1940 als Leutnant z.V. in das Baulehr-Bataillon z.b.V. 800 gekommen [z.b.V. = zur besonderen Verwendung], also zu den legendären „Brandenburgern“.

In einem der während vieler Monate ausgetauschten zahlreichen Briefe, die immer im Zusammenhang mit Hartmann standen, fragte mich im Juni 2009 der Verleger Hans Michael Hensel, der diesen Aufsatz angeregt und letztlich angestoßen hat, ob Wolf Justin Hartmann deswegen wieder zum Militär gegangen war, weil er vielleicht mit seinem Leben als schlecht bezahlter „Schreibtischkrieger“ ganz und gar nicht ausgefüllt war.

Ich antwortete ihm:

Was seine Meldung 1939/40 betrifft, glaube ich weniger daran, dass es die finanzielle Situation war, die ihn dazu bewog

 

1) hätte er das bereits 1935 tun können, als sich die Wehrmacht verzigfachte und „jeder“ genommen wurde, der einen Zug Infanterie über den Rinnstein führen konnte und

 

2) war WJH, Zeit seines Lebens ja kein aktiver Offizier, sondern „nur“ einer der Reserve.

 

3) Wäre es ihm ums Geld gegangen, hätte er sich, in seinem Alter, auch einen „Druckposten“ beim Militär besorgen oder als „Propagandamann“ ins Ministerium zu Goebbels gehen können. Er aber ging zu der Spezialtruppe der Wehrmacht, den „Brandenburgern“, vielleicht sogar in der Hoffnung, hier Stoff für ein späteres Buch zu erleben.

 

Nein, ich glaube, das war eine Mischung von Abenteuerlust und Vaterlandsliebe, die ihn wieder freiwillig werden ließ. Darüber hinaus hatte er ja „kein Kind und kein Rind“, das vereinfacht so etwas ungemein.

 Oder gab es vielleicht ganz andere Gründe für Hartmann, in seinem doch schon fortgeschrittenen Alter [ein „blutjunger Leutnant“ war er ja nun wirklich nicht mehr] gerade in das von ihm gewählte Bataillon einzutreten? Dazu später mehr!

Zunächst will ich es aber als eine Form von „aristokratischer Immigration“ in die Wehrmacht nennen, denn seine literarische Seele hat Hartmann während des III. Reiches nie verkauft, was viele seiner Zeitgenossen nicht von sich sagen konnten.

Persönlichkeiten wie zum Beispiel Werner Höfer, Elisabeth Noelle-Neumann, Theodor Heuss, Max Planck, schrieben auch für die NS-Wochenzeitung „Das Reich“, dessen Leitartikel häufig von Minister Goebbels redigiert worden waren.

Auch ist dem breiten Publikum häufig unbekannt, dass viele, die nach 1945 zum Teil unglaubliche Karrieren in Presse oder Verlagswesen absolvierten, im Krieg als Angehörige von Propagandakompanien für die Deutsche Wochenschau oder den Hörfunk berichtet haben. Das Internet-Lexikon Wikipedia nennt Namen: Lothar-Günther Buchheim (Buchautor: Das Boot), Joachim Fernau (Schriftsteller), Rudolf Hagelstange (Schriftsteller), Werner Höfer (TV-Journalist), Karl Holzamer (ZDF-Intendant), Hans Liska (Zeichner), Kurt W. Marek = C.W. Ceram (Schriftsteller), Jürgen Roland (Stahlnetz), Ernst Rowohlt (Verleger), Peter von Zahn (TV-Reporter), Manfred Schmidt (Comic-Zeichner: Nick Knatterton), schließlich der ehemalige Angehörige der SS-Propagandastandarte „Kurt Eggers“, Henri Nannen (Stern).

Diese Aufzählung wertet selbstverständlich nicht die ideologische Qualität der abgelieferten Beiträge der einzelnen Protagonisten, allerdings wurde auch niemand dieser Herren gezwungen, mitzumachen.

Hartmann jedenfalls ist sich und seiner Einstellung treu geblieben.

Doch eines war auch ihm klar: In diesem Krieg war er, für eine Einberufung in die Wehrmacht, mit Sicherheit nicht zu alt. Aber ehe er als wehrpflichtiger Offizier in einer Einheit gelandet wäre, die seiner Auffassung von Ritterlichkeit und Ehre widersprochen hätte, ist er zu einem Verband gegangen, der ihm, dem hochdekorierten Asienkämpfer und Globetrotter, regelrecht behagen mußte. Hier hoffte er vielleicht, noch einmal, wie in jungen Jahren, Abenteuer zu erleben!

Wolf Justin Hartmann war das, was man im positiven Sinne einen „Krieger“ nennen konnte, das Leben als „Militär mit Pensionsberechtigung“ lag überhaupt nicht in seiner Natur! Also hat er sich dahin gemeldet, wo „etwas los“ war, zum Baulehr-Bataillon z.b.V. 800, der Keimzelle der legendären Division „Brandenburg“.

Über kaum einen Verband der Deutschen Wehrmacht ist nach dem Zweiten Weltkrieg in Roman- oder reißerischer „Dokumentationsform“ so viel, zum Teil auch bösartiger Unsinn, geschrieben worden, wie über den Wehrmachtsverband „Brandenburg“. Leider stehen auch in den Internet-Lexika Dinge, die nicht den Tatsachen entsprechen. Hier sind es ebenfalls die „Hobby-Historiker“, die ungeprüft all das abschreiben, was sie zufällig in zweifelhaften Büchern oder im Internet gefunden haben. Manchmal reicht es sogar aus, durch Kürzungen oder Weglassungen Tatsachen zu entstellen. Wie hatte bereits Friedrich Wilhelm Heinz in seinem Brief an Theodor Blank 1953 zu dieser Art von dieser Art „Geschichtsschreibung“ gesagt:

Das Herausbrechen von grünen, roten, blauen oder goldenen Steinen aus dem Gesamtbild und das philisterhafte Vorzeigen dieser Einzelsteinchen ist meistens dumm, oftmals perfide, und es besagt für das menschliche Sein nicht das Mindeste.

BrandenburgEs würde den Rahmen sprengen, wenn dieser militärische Verband, in seiner Komplexität der Jahre 1939 bis 45, in diesem Aufsatz auch nur halbwegs vernünftig beschrieben werden könnte.

Daher soll der vom Chef der Abwehr II befohlene, nachstehend zitierte Auftrag als Erklärung dienen:

Aufgabe des Lehrregiments „Brandenburg“ z.b.V. 800 ist der kampfmäßige getarnte Einsatz gegen taktisch, operativ oder kriegswirtschaftlich wichtige Objekte. Er erfolgt dort, wo andere Einheiten der kämpfenden Truppe noch nicht oder nicht mehr kämpfen können.

Weder war das Lehr-Regiment „Brandenburg“ z.b.V. 800, noch später die Division mit dem gleichen Namen, ein Bewährungs- oder sog. Strafverband (diese waren mit Anfangsnummern 5 oder 9 versehen), noch gehörte Brandenburg zur Waffen-SS.

Admiral Wilhelm Canaris

Wilhelm Canaris

Bei „Brandenburg“ handelte es sich um einen Sonder- und Eliteverband des deutschen Heeres, direkt unterstellt der Abwehr des Admiral Canaris, sozusagen um die „Special Forces“ der Wehrmacht, die, mindestens in den ersten Jahren des Krieges, ähnlich operierten wie die französischen oder britischen Commandos, der SAS (Special Air Service), in Nordafrika die Long-Range-Desert-Group.

Die USA hatten und haben ihre „Ranger“-Verbände, die sich allesamt das Element der Kriegslist und der Überraschung beim Einsatz unmittelbar hinter der Front oder in den rückwärtigen Gebieten zu Eigen machten oder machen, die Russen haben die Spednaz-Verbände.

Brandenburg setzte sich vornehmlich aus Freiwilligen, darunter vielen Auslandsdeutschen, zusammen.

Dabei war die Bezeichnung „Brandenburg“ eher zufällig gewählt, als man bei der Aufstellung der „Urmutter“ aller Brandenburg-Verbände, der oben genannten Baulehr-Kompanie 800 z.b.V., und der Suche nach einer geeigneten Unterkunft, auf die leerstehende Generalfeldzeugmeister-Kaserne in Brandenburg an der Havel stieß und sich dort an der Weihnachtsfeier 1939 selbst den Namen gab.

Spätestens mit der Aufstockung des Lehrregiments z.b.V. 800 ab dem 1. November 1942 zu einer Division und der direkten Unterstellung zum OKW-Amt Ausland/Abwehr, wurden die Soldaten von Brandenburg, jetzt in der Division „Brandenburg“, häufig ausbildungsfremd als leichte Infanterie eingesetzt. Doch davon später.

Zurück zu Leutnant Wolf Justin Hartmann.

Im Baulehr-Bataillon „Brandenburg“ z.b.V. 800 nimmt Hartmann, vom 10. Mai bis 25. Juni 1940, als Chef der Stabskompanie am Frankreich-Feldzug teil.

Noch während dieses Feldzuges, am 15. Mai, kommt vom Oberkommando des Heeres der Befehl, dass das Baulehr-Bataillon z.b.V. 800 zum Lehr-Regiment gegliedert werden soll.

Aus der von Hartmann geführten Stabskompanie wird jetzt das I. Bataillon/Lehr-Regiment „Brandenburg“, in dem er die 2. Kompanie als Chef übernimmt.

Kurze Zeit darauf, am 2. Juli 1940, wird das Regiment alarmiert und verlegt, mit dem I. und III. Bataillon, im Zuge der geplanten Invasion Groß-Britanniens (Unternehmen Seelöwe) nach Aachen in die Theodor-Körner-Kaserne[Bundeswehr heute: Technische Schule Landsysteme und Fachschule des Heeres für Technik].

Ab August nimmt das I. Bataillon seinen Bereitstellungsraum im Raum Niewport, östlich von Dünkirchen, ein. Die Soldaten der einzelnen Kompanien, darunter auch die von Leutnant Dr. Hartmann (Beförderung am 20.11. zum Oberleutnant z.V.) üben bis zum November an der Kanalküste, was ihr Auftrag für den Tag X, dem Beginn der Invasion, vorsieht: Die „Brandenburger“ Kommandotrupps sollen, nach einer Luftlandung, zunächst die Schleusen der südenglischen Hafenstadt Folkestone, 11 Kilometer südwestlich von Dover, zerstören. Dann soll ein zweiter Teil des Bataillons am Kiesstrand der Landspitze von Dungeness anlanden, die dortigen Schleusen und Wasserkraftwerke, besonders aber die dort errichteten Bunker und stationierten Küstengeschützbatterien, außer Gefecht setzen.

Doch bereits im Oktober 1940 entscheidet Hitler, dass die „Landung in England“ nur noch als „Druckmittel“ aufrecht zu halten sei. Am 10. Januar 1941 erfolgt dann die endgültige Absage.

Das I. Bataillon hatte, nach einem kurzen Aufenthalt in der Panzerjäger-Kaserne in Düren/Rheinland, bereits vor Weihnachten zurück nach Brandenburg verlegt.

Hier beginnen im neuen Jahr die Vorbereitungen zum „Unternehmen Barbarossa“, dem Feldzug gegen die Sowjetunion im Juni 1941.

 

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