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Hans Michael Hensel

Schlachttag und kopflose Hühner

Am frühen Morgen konnte man die Schafe noch streicheln. Am Abend standen sie im Mittelpunkt des Helferfests bei der Weinlese in Neuseeland 1981. Das sind die einzigen Bilder in meinem Photoalbum, die ich je von einem Schlachttag gemacht habe.

Das Ende des Schlachttags

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, meine fränkischen Verwandten waren Bauern, Gärtner und Häcker, meine sächsischen, vom Vater her, Handwerker. Wenn geschlachtet wurde, half oft die ganze Familie mit und bekam dafür etwas ab. Eine meiner frühesten Erinnerungen war die Schlachtung eines Schweines bei Verwandten in Ochsenfurt. Wie sehr tat es mir leid! Als es schon tot und ausgeblutet war, bohrte ihm ein Onkel einen eisernen Haken durch seinen Nacken und zerrte es mit Helfern eine Außentreppe hinauf. Ich höre es heute noch quieken, obwohl es schon tot war, als ich es sah. Wie ist das möglich?

Vor diesem Ort, an dem das geschah, hatte ich jahrelang Angst, obwohl mir dort nie etwas getan wurde. Und wie trauerte ich erst um die süßen Kälbchen im Stall bei Fuchses, von denen ich ja auch schon wußte, daß…! Ich war etwa zwölf Jahre alt, als ich die letzte Hausschlachtung eines Schweines bei Verwandten in Segnitz miterlebte.

Aber genauso erinnere ich mich daran, wie gut die frischen Leberwürstchen und die Schweinebacken aus der Schlachtschüssel schmeckten. Und die frischen Bratwürste, die es abends und am folgenden Tag roh, mit Zwiebeln als Brotbelag gab! Von denen gab es immer nur ein Paar pro Helferfamilie, weil der Rest geräuchert wurde. Schade, mir schmeckten sie dann nicht mehr!

Und die Gredelbrüh’, wie man bei uns die Kesselsuppe nannte. Viel Majoran und andere gute Sachen waren da drin! Hoffentlich war ein Knäudele geplatzt, dann war die Brühe perfekt! Auch als niemand unserer Verwandtschaft mehr zu Hause schlachtete: Bis vor einigen Jahren konnte man sie jeden Donnerstag um viertel vor 12 Uhr noch beim Metzger Zink nebenan zusammen mit frischen Leberwürstchen und Knäudele holen. Ein Gedicht!

Bis vor einigen Jahren schlachtete ein Bauer im Ort, der zugleich gelernter Metzger war, gelegentlich „schwarz“ auf seinem Hof und verkaufte die Produkte ebenso steuerbefreit wie seinen preisreduzierten etikettenlosen Wein und anderes. Die Schlachtung war wie ein Ritual: Freitag nachmittag schloß sich das sonst immer offene Hoftor, eine Sau wurde am Vorderlader eines Traktors aufgehängt, damit ging es über den Misthaufen, wo gleich die Schlachtabfälle landeten. Das ging jahrelang gut, fast alle Nachbarn holten die Wurst bei ihm, wir auch.

Als er nicht mehr nur eine Sau alle zwei Wochen, sondern bis zu drei pro Woche schlachtete und seinen Nachbarn eine schwarz gebaute Räucherkammer vor die Nase setzte – einem Nachbarn den Rauchabzug direkt vor das Schlafzimmerfenster, einem anderen neben dessen Innenhof mit Wäschetrockenplatz, war Schluß mit Lustig. Er mußte einen Plan einreichen, den Kamin um geschätzte vier Meter erhöhen, eine ordentliche Wurstküche bauen und anstatt auf dem Misthaufen verschwanden die Schlachtabfälle plötzlich in einer roten Tonne. Mit dem daran „schuldigen“ Nachbarn redet er nicht mehr, sein tüchtiger Sohn reitet inzwischen erfolgreich auf der grünen Biowelle mit einem weithin bekannten Hofladen.

Die letzten etwa zwanzig Segnitzer Hühner des Hofes Fuchs starben um 1972 alle an einem einzigen Tag bei einem Massaker, indem ihnen Frau Dietz, unsere Nachbarin, die Witwe des ehemaligen Dorfschmieds, den Kopf abriß oder abschlug, danach wehrten sie sich noch mit den Flügeln, zum Ausbluten abgehalten über dem Misthaufen. Mich nahm die Oma beiseite, damit ich das nicht sah, aber ich wußte ja, was passierte und stellte es mir deshalb nur um so schlimmer vor. Einmal flatterte ein Huhn wohl noch etwas über den Hof, kopflos, die feinstverteilten Blutstropfen sah ich jedenfalls noch lange. Ich suchte danach. Gruselig. Ich erinnere mich noch an die Grieben, die meine Oma aus dem bei dieser Schlachtorgie massenhaft anfallenden Fett der ausgewachsenen Hühner gemacht hat: Ich mag Grieben eigentlich überhaupt nicht, aber diese schmeckten einmalig gut!

Als wir in der Schule die französische Revolution durchnahmen, stellte ich mir analog zu den kopflosen Hühnern anhand der Guillotine vor, wie sich das für den abgeschnittenen Kopf wohl anfühlt, wenn er kullert. Jahrelang hatte ich diese beiden Bilder vor Augen, die kopflos flatternden Hühner (die ich selbst nie gesehen hatte) und den kullernden Kopf (den ich mir ebenso nur in meiner Phantasie ausmalte). Es war fast so erschreckend wie das Fegefeuer, das uns der Pfarrer im Religionsunterricht aufzuschwatzen versuchte.

Mein Vater schlachtete Kaninchen mit dem gleichen Messer, mit dem am nächsten Tag das Fleisch aus der Pfanne zerteilt wurde. Da war ich sechs Jahre alt und ging in Krefeld-Uerdingen, wo ich drei Jahre fern unseres Dorfes verbringen mußte, in die erste bis dritte Klasse.

In Neuseeland habe ich auf „meiner“ Farm (auf der ich als Student eine Saison arbeitete) erlebt, wie morgens zwei Schafe für unser abendliches Festessen massakriert wurden, fast auf Halal-Art: Kopf nach hinten gezogen, Messer an die Kehle, ein kräftiger Schnitt, den Kopf noch mehr nach hinten; Knack, in Sekunden war es vorbei. Die Kiwis im Huapai Tal beherrschen das aus dem Effeff. Schafe sind sowas von dumm und vertrauensselig. Kein Mucks, kein Tritt, wenn der Mörder kommt. Seit ich das erste Mal Margot Käßmann in einer Talkshow sah, denke ich bei ihrem Anblick immer an die neuseeländischen Schafe bei der Schlachtung. Ich kann es nicht ändern: Für mich von Anfang an das Synonym für den naiven Gutmenschen. Das Schaf, meine ich.

An die Schafe muß ich auch immer denken, wenn es wieder mal ein Video von einem muslimischen Halsdurchschnitt an einem verhaßten Kafir von meinesgleichen zu sehen gibt. Ich hege den Verdacht, daß sich tiefgläubige Muselmänner (Frauen zählen bei denen ja nicht) für diese Kunst beim Halal-metzgern vorbereiten.

Aber ich schweife ab. Man ißt, glaube ich, anders, wenn man weiß, wie ein Tier für uns stirbt. Vor allem wirft man nichts weg. Wenn es schon sterben muß, dann verwende gefälligst das ganze Tier! Für mich ein kategorischer Imperativ. Leute, die die Haut beim Huhn, bei der Ente oder bei der Pute wegschneiden (was immerhin das Beste an den Viechern ist!), oder den Fettrand beim Schnitzel, sind mir zuwider. Ehrlich! Nehmt gefälligst weniger Fleisch, wenn ihr gesünder leben wollt, aber das, was ihr nehmt, eßt es auf, verwendet möglichst alle Teile, werft nichts weg !

Das gebietet der Respekt vor der für uns dahingemeuchelten Kreatur, die vor ihrem Tod genauso Schmerz oder Wohlbefinden empfand wie wir.

4 Antworten zu Schlachttag und kopflose Hühner

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