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Hans Michael Hensel

Offizier und Gentleman (3)

„Unvergesslich dem, der sie nur einmal las“  nannte Georg Schneider die Kriegserzählungen Wolf Justin Hartmanns.Ob Wolf Justin Hartmann als Soldat an der Front Tagebuch führt oder sich mindestens Aufzeichnungen macht (aus späterer Zeit ist bekannt, daß er zu jedem neuen Buch akribische Vorarbeiten und Recherchen machte und auch auf Reisen Tagebuch führte), ist nicht bekannt. Fast aber scheint es so. Denn in einem seiner Manuskripte bezieht er sich auf einen Vorgang, den wir auch in Form einiger Meldungen im türkischen Heeresbericht finden: Die Versenkung zweier englischer Schlachtschiffe durch ein deutsches U-Boot:

Konstantinopel, 25. Mai.1915
Das türkische Hauptquartier teilt mit:
Heute Nachmittag ist das englische Schlachtschiff „Triumph“ im Golf von Saros vor Ari Burun torpediert worden und gesunken.
An der Dardanellenfront und auf den anderen Kriegsschauplätzen hat sich gestern nichts Wesentliches ereignet. 

 

Konstantinopel, 29. Mai.1915
Aus dem Hauptquartier wird mitgeteilt:
… Das feindliche Panzerschiff vom „Agamemnon“-Typ, das vorgestern torpediert und nach Imbros geschleppt war, ist verschwunden. Man weiß nicht, was aus ihm geworden ist. An den anderen Fronten nichts von Bedeutung. 

 

Konstantinopel, 29. Mai.1915
Das türkische Hauptquartier teilt mit:
Nach Feststellungen, die an verschiedenen Stellungen gemacht worden sind, scheint an demselben Tage, an dem das Schlachtschiff „Majestic“ 6Ω Uhr früh versenkt worden war, um 9 Uhr vormittags ein Schlachtschiff mit zwei Masten und zwei Schornsteinen torpediert worden zu sein. Eine große Wassersäule wurde bemerkt worauf das Schiff sich zur Seite neigte und in der Richtung auf Imbros abgeschleppt wurde. Um 11 Uhr wurde das in Frage kommende Schiff an der südöstlichen Küste von Imbros liegend bemerkt, umgeben von kleinen Dampfern. Das torpedierte Schiff scheint der „Agamemnon“-Klasse anzugehören. Aufsteigender Nebel hinderte unseren Flieger, seine Beobachtungen fortzusetzen. 

 

Konstantinopel, 29. Mai.1915
Die schwere Beschädigung eines englischen Linienschiffes vom Typus des „Agamemnon“ ist durch den Torpedo eines deutschen Unterseebootes bewirkt worden.

Otto Hersing mit dem Orden Pour le Mérite

Otto Hersing

Diese Versenkungen gingen auf das Konto des deutschen U-Boots U-21 unter Kapitänleutnant Otto Hersing [30.11.1885 Mülhausen/Elsaß – 5.7.1960 bei Münster], wofür diesem tapferen Marineoffizier am 5. Juni 1915 der Pour le Mérite [der höchste preußische Tapferkeitsorden] verliehen wurde.

Hartmann hat, als deutscher Gefreiter im türkischen Korpsstabe an den Dardanellen, Kapitänleutnant Hersing nach dessen Taten kennengelernt. In seiner Erzählung: „Der Tod ist kein Lump“ verfällt Hartmann fast ins Plaudern, wenn er uns teilhaben lässt am Besuch des wackeren U-Bootfahrers im Zelt des Korpskommandeurs

Haha, ein etwas ungestümer, ungebärdiger Kerl! Er bringt es wahrhaftig fertig, auch einen Korpskommandeur schlankweg zu unterbrechen, einfach am Reden zu hindern. Aber er bringt verflucht auch noch Anderes fertig. Schäumende, brausende Dinge voll Hitze und voll Blut! Und Blut hat er im Leib! Vielleicht einen Liter mehr, als die meisten anderen haben. Ein feiner, prächtiger, ein aussergewöhnlicher Bursche!

 

Gestärkt durch eine Flasche „Raki“ [türkischer Anisschnaps], gibt „Kaleu“ Hersing dann lautstark seinen ungeschminkten Bericht über das „Anpirschen und Erlegen des Wildes“!

 

„Herr Kapitänleutnant! Darf ich mir erlauben, auf Ihr Wohl …“

 

„Prost! Prost – Als ich den dicken Kahn endlich in Schussweite hatte, da habe ich mir gedacht: Runter mit den Briten von der See! Mensch! Halt dich dran! Jetzt zahlst du Vieles heim. Wer weiss, ob du morgen noch … Na! Prost sage ich…“

 

… Famos! Der U-Bootsmann ist schon in voller Fahrt!

 

Er erzählt, dass es eine Art hat! Es ist ein Genuss, ihm dabei zuzuhören. In dieser milden, duftgeschwängerten Sonne. Auch der Herr General ist anscheinend völlig versöhnt mit unserem ausgezeichneten, wenn auch unbekümmerte Gast. Jedenfalls zwirbelt er wieder seinen struppigen Schnauzbart hinauf, ein bekanntes günstiges Zeichen für die herrschende Stimmung. Der feiste Dscheva schwitzt, wie immer, wenn er sich aufregt, wenn irgendein Gefechtsbericht seine ungeteilte Anteilnahme findet. Stabschefliche Tropfen rinnen ihm über die Backen auf den von manchem Schweiß schon dunkelgeränderten Kragen. Sogar den Kalpak [aus Pelz gefertigte Husarenmütze] hat er abgenommen. Seine feuchte Glatze glitzert. Der Schatten des Aprikosenbaumes ist von uns weitergewandert, nach rechts, nach Osten zu. Ein herrlicher Nachmittag! In makelloser Bläue wölbt sich der hohe Himmel. Durch weiche Düfte weht vom Meer ein erquickender Wind. Und an der Front ist wohltuende Ruhe. Ah! Eine berückende Ruhe nach dem Tumult des Angriffs. Nur irgendwo auf der Strasse hallt dumpf ein Lärm. …

Ich würde am liebsten hier weiterlesen, so tragen mich Hartmanns erzählende Worte fort. Fast sitze auch ich als Zuhörer neben ihm.

Zurück an die Front von Gallipoli. Hier mißlingt es den Engländern, Franzosen und ihren Kolonialtruppen, über örtliche Erfolge hinauszukommen, trotz massiver Verstärkung und großer Überlegenheit. Die Türken halten ihre Stellungen, unterstützt von rund 50 deutschen Artillerieoffizieren, die mit den Feldgeschützen immer wieder wirkungsvoll in das Kampfgeschehen eingreifen.

Im November 1915 treffen die beiden österreich-ungarischen Gebirgsartillerieregimenter Nr. 4 und Nr. 6 ein, die erste aktive Hilfe der Mittelmächte für ihren osmanischen Alliierten. Ab Dezember räumen die Engländer das Kampfgebiet und ziehen sich endgültig zurück.

Die Schlacht, in der beiden Seiten über 800 000 Mann auf der Halbinsel Gallipoli aufgeboten hatten und bei der es letztlich um den Besitz der Dardanellen und der Hauptstadt des Osmanischen Reiches ging, war von den Türken gewonnen. Erst mit dem Waffenstillstand vom 31. Oktober 1918 fallen die Dardanellen kampflos in englische Hand.

Auch für Leutnant Wolf Justin Hartmann ist jetzt die Zeit des Abschieds von der türkischen Halbinsel gekommen. Ausgezeichnet am 18. November mit dem preußischen Eisernen Kreuz II. Klasse, tritt er am 6. Dezember seinen Rückmarsch nach Deutschland an, wo er, kurz vor Weihnachten, eintrifft.

Seit dem 23. November 1915 ist er zur 4. Ersatz-Batterie der 2. Ersatz-Abteilung des 1. kgl.bay. Feldartillerie-Regiments als Bataillons-Offizier versetzt.

Von hier geht es ins Kampfgebiet nach Frankreich, wo er, wieder laut Gefechtskalender, vom 27. Februar 1916 bis 15. März 1917 als Artillerieoffizier an den Stellungskämpfen an der Somme teilnimmt.

Zwischendurch, vom 10. September bis 31. Oktober 1916, ist Hartmann zum Lehrgang der Feldartillerie-Schießschule Jüterbog, rund 60 Kilometer im Südwesten von Berlin, kommandiert.

Nach einem kurzen Urlaub wird er am 12. November 1916 zur 9. Batterie des am 2. August 1914 mobil gemachten kgl.bay. Feldartillerie-Regimentes Nr. 23 (14. Bayerische Division) versetzt, bei dem er bis zum Juni des darauf folgenden Jahres bleibt.

An der Westfront liegt seine Batterie während der vom 1. Juli bis 18. November 1916 tobenden „Schlacht an der Somme“ [1,1 Millionen Tote], im Raum Achiet-le-Grand und Buquoi, wo „das 2. und 3. Geschütz so verdammt zerschmettert wurden, daß nur noch Tote und Sterbende in einer wilden Zerstreuung zuckten…“(aus: Ein Glanz lag über der Stadt).

Im französischen Flecken Gomiécourt im nördlichen Pas de Calais, inmitten des Dreiecks zwischen Arras im Norden, Cambrai im Osten und Baupaume im Süden, erlebt Wolf Justin Hartmann 1916 seine dritte Weihnacht an der Front.

In zwei Erzählungen, veröffentlicht 1935 in „Der Schlangenring“, berichtet er von dieser Zeit im Westen, die so ganz anders ist als der Krieg 1915 inmitten der Türken. Sein Gegner sind aber auch jetzt wieder britische Soldaten. Und auch wenn da, wo er jetzt steht, nicht der Mittelpunkt des Schlachtens ist, so ist doch auch bei Gomiécourt Krieg.

Georg Schneider, Hartmanns Gratulant zum 70. Geburtstag, hat die Erzählungen im Schlangenring zu den Meisterwerken der deutschen Kriegsliteratur gezählt und nennt sie „Geschichten, die ihre ZÄHNE zeigen. Kalt, knapp in der Enge, human in der Weite, unvergesslich dem, der sie nur einmal las, durchglühter Frost, im Feuer gehärtet.“

„Zu Gomiécourt, in der Kirche“, [es ist die Kirche St. Pierre] wird am Heiligen Abend 1916 ein Gottesdienst gefeiert, wozu man auch alle Verwundeten des Tages hingebracht hatte:

Übervoll ist die Kirche. Gedrängt, gepreßt, in dichter Menge stehen sie im Schein der wenigen Fackeln, die am zerbrochenen Pfeiler, in Sprüngen und Rissen stecken. Die johlenden Granaten haben die Mauern zerfetzt, haben mit brandigem Maul zackige, klaffende Löcher in sie hineingefressen. Die johlenden Granaten sprengten den schlanken Turm, fuhren dämonisch ins Dach. Sparren baumeln kahl und kraus auf unsere Köpfe nieder, auf Ziegeln ruht unser Fuß, die Hände falten sich. Sie stehen Mann an Mann, barhäuptig, ernst, ergeben, wie im ewigen Zwiespalt feindseliger Gewalten unstet umflattert von Licht und Dunkelheit, der Sturm schnaubt unter dem Himmel, Regen fällt in unser Haar. Sie sitzen, kauern gebeugt, liegen nebeneinander, sind hingeworfene Leiber, aufschauernde Seelen, feiern die heilige Nacht; jeder so gut er es vermag …

Und doch hat diese Geschichte kein „Happy End“, denn in dieser Heiligen Nacht stirbt neben ihm, dem Betenden, ein unbekannter Kamerad, ein Jüngling noch, zu Gomiécourt, in der Kirche.

Für „Tapferkeit vor dem Feind“ während der „Somme-Schlacht“ wird Leutnant Hartmann, am 12. Januar 1917, mit dem preußischen Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet.

Vom 16. bis 18.März 1917 folgen die sehr heftigen Kämpfe vor der Siegfriedstellung, bei der die deutsche Artillerie die unter dem Tarnnamen „Alberich“ befohlene Räumung und Begradigung des Frontbogens zwischen Arras und Soissons und den Rückmarsch auf die Siegfriedstellung deckt.

Nur eine Woche später, vom 23. März bis 1. April 1917, schließen sich die „Stellungskämpfe im Artois“ an.

Aus diesen Wochen liegt eine weitere Westfront-Erzählung vor mir: „Seine vorletzte Gewissheit“, die Geschichte vom Leutnant und dem Gefreiten Alois, der das Telefon der B-Stelle [Artillerie-Beobachtungsstelle] bedient und seinen Soldatentod vorausahnt:

In der Nacht vom Samstag zum Sonntag haben wir die B-Stelle bezogen.

 

W.17 III hat das Feuer nach links verlegt! Das Scherenfernrohr herum! Aha! Der „Knotenpunkt“! Sehr schön, Herr Hauptmann Rolster! Die Einschläge stehen wie die Pappeln an der grossen Napoleonstrasse. Gut abgemessener Abstand. Auf jeder Pappel hockt der Tod und grinst und klatscht vor Lust und Wonne in die knochigen Hände. Die schräge Sonne schüttet Glanz auf seinen kahlen Schädel. Wär es in unserem Loch nur nicht so grausam kalt! Meine Beine werden zu Eis. Es schüttelt mich wie ein Gaul im Geschirr. Und draussen scheint die Sonne.

 

Metallisch leuchten die Flieger bei jeder Kurve auf. Vom Westen her, die Wolken sind noch leichter, noch loser, noch heiterer geworden. Der Himmel wird immer klarer. Ein vormärzlicher Wind weht lau und voll Verheissung an meine pochende Schläfe. Durstig und sehnsüchtig wird man bei diesem erregenden Wind. Schneeglöckchen werden blühen, Veilchen und Schlüsselblumen. Vielleicht steht schon ein Strauss in meinem Zimmer daheim. Bald wird die Erde sich öffnen. Einem zum Grab, Anderem zur Geburt.

 

Aber wer im Schatten sitzt, im Finstern einer Höhle, um die Vernichtung zu lenken, hat sich nicht darüber zu kümmern. Das Haubitzfeuer wühlt in der Tiefe. Es muss schwierig und mühsam sein, bei diesem Wind zu sterben, Alois ist verrückt, wenn er im Ernst daran glaubt, dass sich sowas verwirklichen muss.

 

Alois fällt nur wenig später,wie wenn er widerspruchslos und mit einer grossen Genugtuung dem Tod, der sich so lange bei ihm angesagt hatte, sein blühendes Leben in die Arme geworfen hätte.

 

Der Himmel war ausgestirnt.

 

Aber der Wind blies wieder über die Frühjahrsfront, ein warmer, sehnsüchtiger, aufrührerischer Wind.

Wieder hat Wolf Justin Hartmann ein Schicksal der Westfront des Frühjahrs 1917 beschrieben, ein Schicksal, das für die über zwei Millionen Gefallenen steht, die der Erste Weltkrieg Deutschland abverlangt hat.

Anfang April verlegt seine 9. Batterie in den Raum östlich von Arras, wo die Artilleristen vom 16. bis 26. April an den „Stellungskämpfen an der Yser“ teilnehmen.

Hartmann bezieht seine B-Stelle auf dem „Point du Jour“, einer Anhöhe zwischen Bailleul und Athies. Diese Erhebung sollte allerdings schon nach kurzer Zeit zu einem umkämpften Brennpunkt zwischen den stark überlegenen englischen Angreifern und den sich verzweifelten wehrenden deutschen Verteidigern in diesem Frontabschnitt werden.

Denn zwischen dem 9. April und dem 16. Mai tobt hier die „Osterschlacht von Arras“, in der 27 Divisionen aus dem gesamten britischen Commonwealth [Briten, Kanadier, Australier] gegen die preußisch-bayerischen Verbände zum Einsatz kommen. Alleine in den ersten sechs Tagen werden von den Engländern 89.000 Tonnen Munition und 40 Tonnen Gas verschossen.

Nach der „Osterschlacht von Arras“, bei der Hartmann auch einem dieser Gasangriffe ausgesetzt ist, wartet jetzt auf den jungen Offizier ein weiterer Kriegsschauplatz: Rußland!

Fortsetzung: http://www.hmhensel.com/von-russland-zur-palaestinaschlacht

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