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Hans Michael Hensel

Fraktur geschrieben und gedruckt

WiRoy.k

Maliwan und Rolf Dettmar

Phuket. Eine deutschsprachige Zeitung in Thailand, die Über­schriften, Werbung, Beilagen, ja sogar einzelne Text­seiten in korrekter Fraktur abdruckt, ja überhaupt auf Typo­graphie und Gestal­tung achtet – gibt es das? In der Tat: es ist die Rede von der TIP Zeitung für Thailand, lokal als „der Tip“ bekannt. Sie erscheint in Phuket mit Lokal­ausgaben in Pattaya und Bangkok in einer verkauften Auflage von rund 3000 Exemplaren. [Beachten Sie bitte zu Zeit- und Zahlenangaben die Aktualiserung im Anhang.]

In Thailand gibt es ein halbes Dutzend deutschsprachige Zeitschriften, von denen allerdings nur wenige – wie der „Tip“ –, legal in einem dafür lizenzierten Verlag erscheinen.

Die druckfrischen Exemplare gehen an Anzeigenkunden und Abonnenten in Thailand und Europa sowie an Verkaufsstellen in den Touristenzentren. Am Kiosk kostet der Tip mit mindestens 32 Seiten im Format 36,5 x 26 cm umgerechnet 1 Euro. Restexemplare werden eine Woche später durch Anzeigenkunden und an festen Verteilerstellen, etwa in der Lobby großer Hotels, auch kostenlos verteilt.

Geschäftsführerin der verantwortlichen „Tourist TIP Thailand Ltd. Part.“ ist Maliwan Dettmar, eine 42jährige Thai, die neben ihren Aufgaben als Haushaltsvorstand und Mutter zweier Kinder auch als Herausgeberin des Tip und weiterer Drucksachen aus der eigenen Produktion zeichnet und für vier Angestellte und die Buchhaltung verantwortlich ist. Ehemann Rolf, genannt  „Roy“, weil Thais die aufeinanderfolgenden Mitlaute „-lf“ nicht sprechen können, gestaltet und redigiert das zweimal im Monat erscheinende Blatt.

RoysRandbemerkungen

Klartext in Fraktur..

Im Tip wird in einer Weise Fraktur geredet und gedruckt, daß es eine wahre Lesefreude ist. „Fraktur reden“ ist wörtlich zu nehmen, denn der 61jährige Dettmar ist einer, der gerne Klartext spricht und schreibt. Folgerichtig hat er sich in der deutschen Gemeinde nicht nur Freunde gemacht. Wer indes die lokalen Alternativen kennt – Blättchen, die überwiegend aus Werbung und nicht gekennzeichneter Schleichwerbung bestehen –, lernt den Tip schätzen.. Komprimierter findet man kaum, was gerade Sache ist.

Bei Dettmar liest man zudem noch manche Information zwischen den Zeilen, was das Lesevergnügen nicht unbedeutend erhöht. Auch Nachrichten aus Deutschland stehen im Blatt, wobei Dettmar zum Teil bekannte Kollegen unterstützen. Die Tip-Sportkolumne schreibt zum Beispiel das langjährige leitende Redaktionsmitglied des Kicker Sportmagazins, Hans-Dieter Barthel. Sogar eine junge Hospitantin aus Deutschland schaffte es schon einmal in die Tip-Redaktion.

Kein deutsches Blatt in Thailand bringt mehr Leserstimmen als der Tip (bis zu zwei Seiten pro Ausgabe), der so zu einem regelrechten Forum wurde. Dort tummeln sich alle mögliche Meinungen, die in der nächsten Ausgabe prompt leidenschaftliche Unterstützung oder Ablehnung weiterer Leser finden. Auch „Unmögliches“ ist zu finden, was indes dem Beobachter gerade dadurch, daß es (nur!) hier ungefiltert wiedergegeben wird, echten Einblick in die deutschsprachige Gemeinde Thailands gibt, die natürlich nicht nur aus Intellektuellen besteht.

„Eine Zeitung darf fast alles sein, bloß nicht langweilig“, meint Dettmar dazu, der keine Hemmungen hat, auch mal fehlerstrotzende Zuschriften unverändert ins Blatt zu hängen: „Erstens fehlt mir die Zeit, alles nachzukorrigieren, zweitens ist das Schlimmste, was passieren kann, daß sich der Schreiber selbst entlarvt.“ (Und drittens, erlauben wir uns hier zu ergänzen, strahlen redaktionelle Sterne in dunkler Umgebung bekanntlich besonders hell…)

Rolf Dettmar begann mit 14 eine Lehre als Setzer bei der Buchdruckerei Hubert & Co. in Göttingen, die dem wissenschaftlichen Verlag Vandenhoeck & Ruprecht angegliedert war. Für Lehrlinge hatte man dort eine besonders „beliebte“ Arbeit reserviert: Das Kirchenblättchen Frohe Botschaft wurde in 12 Punkt Senatsfraktur, 26 Cicero breit, komplett im Handsatz hergestellt.

TIP Frakturseite

Eine furiose Replik –
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Dettmar erinnert sich: „Die Kegel der altehrwürdigen Schrift waren durch das hundertfache Reinigen und anschließendes Trocknen durch Ablagerungen an den Köpfen so verkrustet, daß die Zeilen am Kopf im Durchschnitt gute 6 Punkt breiter als am Fuß liefen. Oft habe ich die Lettern lange mit dem Daumen massiert, bis sich eine oben und unten gleich breite Zeile ergab“

Von den Lehrlingen wurde außerdem erwartet, daß sie einen Tageszettel ausfüllten und ein Berichtsheft führten, und zwar beides ausdrücklich (Ende der 50er Jahre!) in Deutscher Schreibschrift.

Dettmar arbeitete in Düsseldorf, Schweden und drei Jahre in der Schweiz, wo er die Maschinensetzerschule absolvierte und danach als Korrektor arbeitete. Zurück in Deutschland saß er an der Linotype. 1969 machte er das Technikerexamen mit einer Arbeit über die Entwicklung der abendländischen Schriften. Schließlich brachte er es zum technischen Betriebsleiter bei Schober-Direktmarketing in Hirschlanden bei Stuttgart.

Mit seinen Kenntnissen machte er sich dann als Fotosetzer selbstständig. 15 Jahre führte er seinen Betrieb, wuchs dabei auch in die Aufgabe des Konzeptionierers und Gestalters.

1988 ging er nach Thailand, wo er zunächst zwar mit seinem Vorhaben scheiterte, dort von seinem erarbeiteten Geld zu leben (er geriet prompt an falsche Berater und stand über Nacht fast mittellos da), dann aber als Autor erfolgreicher, selbst verlegter Bücher sein Auskommen fand: Sein Ratgeber Leben, Arbeiten und Investieren in Thailand ist bereits in der 21. Auflage erschienen und gilt als „Bibel“ für Thailand-Auswanderer. Sie ist aber auch Touristen nützlich, die hinter die lächelnde Fassade des Landes blicken wollen.

Kaum weniger erfolgreich wurde „Wa(h)re Liebe. Clevere Mädchen und Liebeskasper“, eine schonungslose Sammlung leider wahrer, meist deutsch-thailändischer Beziehungsgeschichten. Gemeinsam mit seiner Frau gibt er auch einen Rechtsberater (in Zusammenarbeit mit einem Anwaltsbüro) sowie zahlreiche weitere Bücher heraus.

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Fraktursatz zum guten Zweck

Dettmar setzt als bekennender Schriftenliebhaber immer wieder gebrochene Schriften ein, nicht nur in Anzeigen und Überschriften. So lag der Tip Zeitung zum Beispiel zum Tag der deutschen Einheit im vergangenen Oktober eine Werbung für die offizielle Veranstaltung der deutschen Botschaft bei – selbstverständlich in korrekter Fraktur gesetzt.

Als ein ebenso ahnungsloser wie mißgünstiger Konkurrent daraufhin prompt über „braune Gesinnung“ schrieb, die in Fraktur-Überschriften zum Ausdruck komme, brach Dettmar in einer furiosen Replik auf einer ganzen Seite in seinem Blatt unter dem Titel  „Die Fraktur – eine Nazi-Schrift?“ eine kenntnisreiche Lanze für gebrochene Schriften, wie man sie sich von Redakteuren und Autoren öfters wünschte.

Seitens der Konkurrenz hörte man seitdem kein Wort mehr zum Thema. Zum Schluß seines Artikels versprach Dettmar: „Wir werden beim Tip auch weiterhin Fraktur reden und drucken, aber nicht braun, sondern traditionell in Schwarz.“

*

Ergänzung, Stand Februar 2014: 2008 wurde der TIP zur Verkaufszeitung zum Preis von 80 Baht (2 Euro) mit erweitertem Umfang. Bis Anfang 2009 stieg die Auflage der Tip Zeitung für Thailand auf bis zu 5000 gedruckte Exemplare im Januar 2009, von denen die meisten auch tatsächlich verkauft wurden. bei geschätzten bis zu 20000 Lesern. Sie erschien zweimal im Monat mit bis zu 48 Seiten. Mitte 2009 erkrankte Rolf Dettmar und übergab die redaktionelle Leitung 2010 seinen aus Deutschland nachgezogenen jüngeren Bruder Georg, unter dessen Leitung es keine Angestellten mehr gibt, die Zeitung wird nicht mehr mit eigener Technik hergestellt. Lokalausgaben sind eingestellt, ebenso fast alle der überaus erfolgreichen Thailand-Broschüren. Mit einer Ausnahme verließen alle im Impressum genannten Kolumnisten und Autoren das Blatt. Die Auflage ging, wie man angesichts solcher Vorgänge und Entscheidungen wohl erwarten mußte, sehr stark zurück. Das Unternehmen gab nicht nur seine Online Ausgabe samt einem überaus beliebten Leserforum auf, sondern sogar die Firmensitze in eigenen Immobilien in Phuket und Pattaya. Im April 2013 zog man nach Khon Kaen in Nordostthailand um. Produziert wird seitdem nur noch eine Ausgabe pro Monat mit 32 Seiten, außerhalb des Abonnements ist der TIP kaum zu erhalten, ein nennenswerter Vertrieb ist nicht einmal mehr in Bangkok, Pattaya und Phuket zu erkennen.

Nicht verwechseln: Der Thailand_TIP-Online_2013 Thailand Tip Online ist ein von der (gedruckten) TIP Zeitung für Thailand unabhängiges Unternehmen unter einem neuen Eigentümer. Das gegenüber der Druckausgabe der TIP Zeitung um einen Zusatz veränderte Logo des Online-TIP wurde von Roy Dettmar vorgeschlagen und autorisiert, von seinem Bruder Georg Dettmar am 1. Februar 2011 auf seinem Macintosh hergestellt und auch von ihm selbst direkt danach an den Eigentümer des Online TIP per Email-Anhang versendet. Die Behauptung auf der von Georg Dettmar unterhaltenen Website der TIP Druckausgabe, wonach Thailand TIP Online (was derjenige der beiden Firmenteile mit der weit größeren Reichweite ist), dieses speziell für ihn hergestellte Logo unberechtigt benutze, entspricht nicht den dokumentierten Tatsachen. Zusammen mit dem Forum hatte Thailand Tip Online zu jener Zeit weit über eine Million verifizierte Seitenaufrufe pro Monat; in der Spitze lagen diese bei über zwei Millionen. Das Tip Forum galt damals als wichtigstes deutschsprachiges Thailand-Forum und bot auch Informationen über andere asiatische Länder. Der Online TIP war schon damals das bei weitem bedeutendere Medium mit der weit größeren Reichweite nach den Leser- bzw. Nutzerzahlen; mit welcher Begründung sollte also ausgerechnet das größere Medium sein seit Jahrzehnten, vom ersten Auftritt an, genutztes Logo aufgeben, – ein Logo, das bei der Trennung der beiden Firmenteile selbstverständlich war, und auf dessen feine Unterschiede bei beiden Firmen man sich einige Zeit danach auch nochmals ausdrücklich geeinigt hat?

Der obenstehende Artikel erschien in Die deutsche Schrift Nr. 2/2004 (71. Jahrgang, 150. Folge). Rolf Dettmar erhielt für seinen Einsatz für gebrochene Schriften im Herbst des gleichen Jahres zusammen mit zwei weiteren Personen den Förderpreis der Stiftung Deutsche Schrift.

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