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Hans Michael Hensel

Rosen, Geuger, schöne Schrift

Unser Jubiläumskalender 2002 („Zehn Jahre Edition Villa Segeniz in Zenos Verlag“) mit Motiven aus Frickenhausen, Jahresgabe für Kunden und Freunde, die Leser des „Geuger“ und des Bundes für deutsche Schrift und Sprache. 1613 numerierte Exemplare. Typographie John Lesney, © Zenos Verlag 2001.Vor zwanzig Jahren, zwischen den späten 1990ern bis zum Jahrgang 2003 gab es in Zenos Verlag zum Jahreswechsel einen „Schrift- und Typographie-Kalender“ für Mitarbeiter, Freunde und Kunden. Aus heutiger Sicht wirkt diese Zeit auf mich wie ein letzter Hauch des untergehenden Bildungsbürgertums, vor dem Stillstand der bleiernen Rautenjahre. Viele unserer damaligen Mitarbeiter und Mit-Streiter leben nicht mehr. Jedenfalls war es die Zeit, als man sich in besseren Haushalten auch in der Küche und im Flur noch etwas Schönes zur Begleitung durch das Jahr an die Wand hängte.

Als wir ungefähr zu dieser Zeit auch mit unserem ersten kostenlosen „Müllkalender“ beglückt wurden, einem typographisch toll gemachten Druckwerk unseres Landratsamtes, war klar, daß wir von nun an keine Chance mehr auf den besten Platz in der Diele, der Küche oder gar im Wohnzimmer unserer Freunde und Kunden hatten. Gegen farbig unterlegte, vierzehntägliche oder wöchentlich wechselnde Abfuhrtage der vier unbestellt vor die Haustüre gekarrten Abfalltonnen – schwarz, braun, gelb und blau, samt grauen, grünen und gelben Säcken auf Wunsch – stemmten sich selbst Augustinus, Katharina, Bartholomäus, Otmar, Ludwig und alle anderen Schutzpatrone der Schreiber, Typographen, Drucker und Buchbinder vergebens.

Doch Hand auf’s Herz: Beneideten wir damals nicht glühend unseren Nachbarn, den stolzen Bauern und Mondscheinmetzger? Den, der als einer von nur zweien im Ort sogar eine rote Tonne bekam – eine rote!! – ? Und ebenso den Kunstschlosser in unserer Verwandtschaft mit seinem silbern glänzenden Metallbehälter auf dem Hof, aus dem wir gelegentlich ein paar noch zu verwertende Teile für unser über 400 Jahre altes Wohnhaus entnehmen durften?

Aber zurück zu den schönen Drucken: Zweimal, für die Jahre 2000 und 2003, war unser Thema „Rosen in Hildesheim“, gedruckt bei Oppermann in der Rosenstadt, Typographie von Walter Plata und John Lesney. Zwei weitere Male, 2001 und 2002 war das Thema „Frickenhausen am Main“, wo wir zwischen 1997 bis 2002 ein experimentelles Heimatmagazin (nein, das ist keine Übertreibung!) als typographische Spielwiese herausgegeben haben: „Der Geuger“, benannt nach der Frickenhäuser Symbolfigur (im Dialekt), dem Mistkratzer nämlich (höchst passend auch für Journalisten!), wurde bei Karl Hart in Volkach gedruckt, Typographie von John Lesney, inspiriert von Walter Plata und Jan Tschichold.

Beide Druckereien existieren nicht mehr, Walter Plata starb 2005.

Die Geschichte der phänomenalen Hildesheimer Druckerei Oppermann steht hier: http://www.hmhensel.com/manfred-oppermann/ Die von Hart müßte noch geschrieben werden.

Walter Plata, mein Typographielehrer: https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Plata.

Für die Jahre 2000 und 2003 druckte Oppermann in Hildesheim auch für Zenos Verlag zwei wunderschöne Kalender „Rosen in Hildesheim“, der erste gestaltet von Walter Plata. Auch zum zweiten machte der inzwischen wegen seiner Parkinson-Erkrankung ans Bett gefesselte Plata noch die Angaben, die sein letzter Schüler „John Lesney“ umsetzte. Es war Platas letzte Arbeit.

Zum Vergrößern und Lesen → auf das Bild klicken → Grafik anzeigen (rechte Maustaste) → nochmal draufklicken. – Für die Jahre 2000 und 2003 druckte Oppermann in Hildesheim auch für uns zwei wunderschöne Kalender „Rosen in Hildesheim“, der erste gestaltet von Walter Plata. Auch zum zweiten machte der inzwischen wegen seiner Parkinson-Erkrankung ans Bett gefesselte Plata noch die Angaben, die sein letzter Schüler „John Lesney“ umsetzte. Es war Platas letzte Mitarbeit.

Das Besondere an beiden Hildesheimer Kalendern waren handgezeichnete Initialen aus dem 18. Jahrhundert in Verbindung mit den schönen historischen Bleisatzschriften, die in Hildesheim durch den Krieg gerettet wurden. Und anstatt aufgedruckten Bildern gab es eingesteckte Postkarten mit Rosenbildern aus Hildesheim. Weil es zwei Abreißkalender waren und man damals tatsächlich noch gelegentlich Postkarten versendet hat, dürften vollständige Exemplare der beiden 2000 und 2003 erschienenen Kalender heute extrem seltene Raritäten sein.

Bei den Frickenhausen-Kalendern waren ebenfalls neben den Bildern die Schriften das Besondere. Anders als beim Hildesheimer Rosenkalender gab es zwar keinen Bleisatz, aber ebenfalls jeden Monat eine neue schöne Schrift, eine hatten wir eigens digitalisieren lassen, nämlich die „Zentenar Buchschrift“ durch Dipl.-Ing. Gerhard Helzel in Hamburg.

Unser Jubiläums-Kalender für das Jahr 2002 schaffte es in die Jahresauswahl schöner Druckschriften für die Mitglieder des Bundes für deutsche Schrift und Sprache, nachdem wir 2001 für den „Geuger“ einen Förderpreis der Stiftung Deutsche Schrift erhalten hatten.

Die Hildesheimer Rosenkalender wurden, Stand heute, noch nie antiquarisch angeboten. Auch die Frickenhausen-Kalender 2001 (Auflage 1219 numerierte Exemplare) und 2002 (1613 Exemplare), bei denen man dank Spiralheftung keine Seiten abreißen mußte, sind selten. Wenn sie doch einmal auftauchen, dann findet man sie am ehesten wohl hier: https://www.booklooker.de/Bücher/Angebote/infotext=Der+Geuger+Kalender

Sämtliche Seiten der beiden Frickenhausen-Kalender wurden jüngst von einem Mitglied einer Frickenhäuser Social Media Gruppe gescannt und öffentlich ins Internet gestellt:

Der Geuger Kalender 2001: https://www.facebook.com/groups/2032741043464478/permalink/5072146439523908/

Jubiläums-Kalender 2002: https://www.facebook.com/groups/2032741043464478/permalink/5052684371470115/

Die Photographien der Frickenhausen-Kalender stammten von Heinrich Schenkel, Reimund Stumpf, Phakinee Dokmaingam und Hans Michael Hensel. Die überwiegende Anzahl der literarischen und historischen Begleittexte zu den Bildern fanden wir im reichhaltigen Archiv unseres Frickenhäuser Freundes und langjährigen freien Mitarbeiters Peter, genannt „Petrus“ Stephan †, dessen Andenken ich diesen Beitrag widme.

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